Die Sache mit der politischen Unverständlichkeit

cross-posted auf takeover.beta

Hier jetzt auch noch meine Mayo* zu der Diskussion der letzten Tage. Thema: wie unverständlich, akademisch, in-Cliquen-mäßig oder sonstwie Feminismus daherkommen darf, soll, oder auch nicht.
Ich schreib‘ absichtlich „Feminismus“, weil’s angeblich eben genau darum wieder mal geht:
Um den guten alten „Nur-“ Feminismus, in dem andere *ismen WIE ZUM BEISPIEL KLASSISMUS nicht so richtig wichtig sind. Oder wo die anderen *ismen nicht so ganz in Verbindung gebracht werden mit dem, was da so täglich gemacht und gesagt wird.

Natürlich betrifft das auch andere politische Bewegungen. Klassismus betrifft alle politischen Bewegungen.

Also, alles kenn ich nicht, viel wurd‘ ja auch schon früher dazu gesagt, hab ich nicht den Überblick. Wer gute Texte kennt, bitte gern sagen. Es tut mir leid für die Lücke.
Zu den letzten Tagen: Da gab es das Barcamp Frauen, auf dem Kritik daran geübt wurde, dass Feminist_innen zuwenig Alltagssprache benutzen. Wer wie wann in welcher Form insgesamt weiß ich nicht genau.
Da gab es einen darauf folgenden taz-Artikel, der das aufgriff und den Anwesenden auf dem Barcamp mal locker die eigene Meinung unterjubelt, nämlich

Dass feministische Anliegen oft selbst verschuldet am Mainstream vorbeischrammen.

Da gab es den Artikel auf queer_in theory, der klarmacht, in welcher beschissenen Zwickmühle Feminist_innen stecken: Einerseits wird gegen sie auf einfache Forderungen hin pseudowissenschaftlicher Mist eingesetzt. Dagegen darf  sich aber dann bitte nur „einfach verständlich“ gewehrt werden. Aus „Nein Heißt Nein!“ werden auf äußeren Druck dann halt wissenschaftliche Aufsätze, grob gesagt.

Was Bullshit ist, ist sich an einem Spiel zu beteiligen, das so hingebastelt ist, dass eine_r nicht gewinnen kann.

Und nun schreibt Nadia Shehadeh unter anderem, dass schließlich von anderen Wissenschaften (oder sonstigen entsprechenden Umfeldern) auch nicht sone Mainstream-Tauglichkeit gefordert wird.

Schön und gut. Fang ich mal damit an, die Frage von Nadia Shehadeh:

Wer bittet denn den ganzen Tag Naturwissenschaftler_innen darum, sich bitte LEICHT und FÜR ALLE und überhaupt so furzig und easy (und BITTE NICHT AGGRESSIV WENN EINER WAS NICHT VERSTEHT!) auszudrücken?

Antwort – ich tu das. Viele Naturwissenschaftler_innen selbst tun das. Nur, in dem Bereich ist es halt noch weniger akzeptiert. Das macht’s aber nicht ok.

Na klar gibt es das „Feminismus muss einfach verständlich sein, weil was können FRAUEN ™ schon für Probleme haben?!“-Ding. Ja, ich hass das auch MIT ALL MEINEM HASS.
Und klar! Der Hohn, den es immer wieder über Sprache im Feminismus regnet, ist zum Teil schlicht ne Weigerung, weniger diskriminierende Sprache zu akzeptieren. Weil „versteht ja niemand“.
Und was soll der Scheiß, eine Anpassung an den „Mainstream“ zu fordern in einem Blatt, das links sein will? Ohne dass auch nur drauf geschaut wird, um welchen „Mainstream“ es da eigentlich geht? Vielleicht sollen wir alle auch unsere Forderungen bisschen anpassen, ja? Damits nicht alles so krass rüberkommt?

Weil das ist es doch – WELCHER „Mainstream“, WARUM verständliche Sprache? Weil, was da nie steht, DAS WORT: Es geht halt schlicht um eine Kritik an Klassismus in all den schicken politischen Bewegungen.
Es geht darum, dass akademisches Fachsprech ausschließend und diskriminierend ist. Kein Klassismus! ist halt wichtiger als was irgendwelche Mainstream-Privilegienhansjoachims von uns denken. Oder als die Meinung der Leute, die wollen, dass wir lieb zu den Privilegienhansjoachims sind. In der Debatte fehlt mir bisher, dass viele Leute (Blogs, Zeitschriften und wasweißich) einfach völlig unnötig superakademisch daherkommen. Da sind die feministischen teilweise noch am wenigsten schlimm.** Auch um hier mal die Karten auf den Tisch zu legen (RW): Ich hab selbst schon studiert. Sogar Geistes- und Sozialwissenschaftskram (wenn auch nichts in der Richtung Gender oder anti-*ismus). UND ich komm aus einer akademischen weißdeutschen Familie.
Und selbst ich verstehe zum guten Teil davon kaum was davon, was so geschrieben wird. Genau wie in der Uni auch schon. Und wenn ich mich dann mal durch so Wust durchgekämpft hab‘, merk ich in 3/4 der Fälle, dass der Schmodder aus einer halben Seite in eineinhalb klar verständliche Sätze gepasst hätte. Und dann krieg ich damals wie heute die Wut.
Es geht doch darum, dass es als was Positives gesehen wird, lauter politische oder akademische Fachsprache zu benutzen. Auch wenn’s einfacher ginge. Und gerade von Leuten, die es nicht verstehen, und sich deswegen scheiße fühlen. (Zum Beispiel ich lange Zeit, um das mal nicht allen anderen zu unterstellen). Dass Leute, die die Fachsprache drauf haben, es garnicht versuchen, mit allen Politik zu machen, die ein Thema angeht. Dass ich Leute frage, ob sie nicht Lust haben, was zu schreiben, coole Leute, politische Leute, studierende Leute – und dann heißt es „ich kann das nicht so gut“. Was soll ich sagen? „Oh, geh doch am Besten in nen „antiklassistischen“ „empowerment“-„Workshop“ gegen das, was ich da mache. Kann allerdings nix garantieren – das gesamte Umfeld ist halt scheiße“? Weil so sieht’s aus, Leute.

Das ist halt einfach ne Pleite für eine politische Bewegung. Da wird den Menschen, für und mit denen’s angeblich sein soll, erklärt, sie seien leider Nicht Gut Genug. Nicht Gut Genug, wenn sie sich in das akademische Geseiere nicht reinarbeiten können oder wollen.
Klar ist das nicht eine Erfindung des Feminismus, sondern klassistischer Normalzustand. Und das ist das Ärgerliche, und JA KLAR! Sexistische daran. (Frauen ™ sollen doch bitte alles vorkauen und nett und lieb sagen und keine_n vor den Kopf stoßen (RW). Und sie sollen einsehen, dass jeder ZEIT-Magazin-Günther ihre politischen Gedanken sofort mit der linken Hirnhälfte auf den Rücken gebunden überblicken kann. UND WENN NICHT MÜSSEN SIE EBEN DAFÜR SORGEN – ne?). Aber das heißt doch nicht, dass Feminist_innen oder andere politische Aktivist_innen diese Scheiße mitmachen müssen.

Wenn Nadia Shehadeh schreibt –

Machen wir uns nix vor, in der Bubble hocken doch primär akademisch-verseuchte Personen, viele von denen geisteswissenschaftlich eingenordet

dann weiß ich wie immer nicht genau, wer oder was mit „Bubble“ gemeint ist. Die feministische Parallelgesellschaft? Welche? Die, in der ich mitbekomme, dass es diese Diskussion gibt?
Jedenfalls, wenn ich das lese als: „Im Feminismus oder irgendwie feministischen Umfeld oder so (online oder nicht) sind doch überhaupt in der Mehrzahl Akademiker_innen unterwegs“? Das ist doch ganz schlicht ein klassistischer Ausschluss. Und soweit das stimmt (also das mit der Mehrzahl), ist es doch irgendwann auch ne selbst erfüllende Prophezeiung: Leute haben halt kein Bock auf den elitären Mist. (Also wieder ich zum Beispiel, um das mal nicht allen anderen zu unterstellen). Soweit das stimmt, ist das halt ein Problem. Diskriminierung, und nicht ein akzeptabler Zustand.

Die Sache ist doch: weder wissenschaftlich noch politisch muss automatisch unverständlich heißen. Nicht immer. Und das ärgert mich so an der Argumentation. Da wird die Forderung nach verständlicher Sprache und Inklusion*** mal gleichgesetzt mit „halbgarem Und-alle-so-yeah-Feminismus“ (queer_in theory). Oder, ne, da wird vorgeschlagen, „Wer irgendwas Flauschiges mit ganz viel Spaß und Spannung und Schokolade haben will, die_der kann sich ja ein Überraschungsei kaufen. Und hoffen, dass ein Miniatur-Furby drin ist.“ (Shehadeh). Da wird (Neulich auf Facebook) bei decolonize the city auf die gleiche Kritik herablassend reagiert: „Nun ist eine Konferenz ja kein Spiele-Abend“. Ja Scheiße, Leute. Vielleicht wollen wir alle miteinander nochmal drüber nachdenken, wen das eigentlich grade im Grunde als Nicht Gut Genug hinstellt? Für all die feine politische Theorie? Wem zu ner harten gesellschaftlichen Unterdrückung auch noch der Hohn gratis dazugeliefert wird? Denn mensch komme ja offensichtlich nur mit einem Leben aus blasslila Flausch klar.

Ich kann mich der Kritikerin nur anschließen, die schreibt:

Nur weil eine_r Akademiker_in ist, heißt doch nich dass man nich mehr normal reden kann. Das doch ne Entscheidung, da so rumzudozieren als wär man in der Uni.

Word.

Und da, wo’s mal nicht anders geht: Was hindert Leute daran, sowas zu trennen, oder ne entsprechende Anmerkung davor zu schreiben?
Das ganze Geschwurbele ist doch sogar in der Wissenschaft selbst genau das, was es in politischen Blogs ist. Es ist ein Machtspielchen. Dominanzgehabe. Kann ja Gründe geben, das mal mitzumachen. Kann ne strategische Entscheidung sein, so wie jede Beteiligung an jedem Scheißsystem. Aber bitte behandelt und kritisiert das doch ehrlicherweise genau so. Und tut nicht so, als sei eine akademische Revolution etwas anderes als traurige Realsatire mit Tradition. So sehr ich den Artikel von queer_in theory geliebt hab – aber:

Wir können Pseudowissenschaft mit wirklicher Wissenschaft bekämpfen und andere von uns können Pseudowissenschaft ignorieren und in der Bubble tolle Dinge tun und darin Platz für mehr Leute schaffen.

WELCHE BUBBLE, VERDAMMTE SCHEIßE? Die mit der Regenbogen-sorglos-Welt der nicht Studierten? Während die Echten Harten Feminist_innen Da Draußen die Akademieschlacht austragen? Nee. Ich kündige diesen Satz. Ich trete aus. Oder so. Das ist eklig.

Nachtrag: Habe versucht, die Sätze kürzer und verständlicher zu machen. Danke an Criz für den Hinweis. Der ursprüngliche Text ist auf takeover.beta.

* RW (Redewendung), von „mein Senf“ = meine Meinung. Die ich zu allem anderen, was schon geschrieben wurde, auch noch dazugebe. Statt Senf nehm ich Mayo, weil ich die grad gern mag. Und weil ich gern Redewendungen ändere.
** Mein persönlicher Hass gilt diesen unzähligen Blogs von linken Typen, bei denen schon in den ersten zwei Sätzen klargemacht wird: das ist Nicht Für Leute Wie Mich. Weil ADORNO(tm) oder so. – Nix gegen Adorno.
*** wikipedia: „Die Forderung nach Sozialer Inklusion ist verwirklicht, wenn jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben oder teilzunehmen.“

11 Kommentare

  1. Criz

    Nachdem ich den Artikel bei FB schon kommentiert hatte und darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ein Kommentar HIER ganz gut wäre, kopier ich das einfach mal:
    Ehrlich gesagt wird in dem Artikel, so gut er inhaltlich auch ist, auch nicht grade die einfachste Sprache genutzt. Da waren schon verdammt viele Ketten-Schachtel-Wasauchimmer-Sätze, wo ich 3 mal lesen musste um mitzukommen. Auch Punkte helfen gegen Ausschluss.

    • kiturak

      Ja, verdammt, danke für den Hinweis. Hatte schon vorher ein paar der schlimmsten so endlos-Sätze rausgenommen, aber war ja klar, dass da noch viel zu ändern ist. Und ich auch generell noch viel zu ändern hab.

      • kiturak

        So, jetzt nochmal: danke, und ich versuch‘ nach der Arbeit, hier Sätze kürzer zu machen. Und es tut mir leid, dass mein Artikel nun auch noch sowas verursacht hat.

  2. thinkpunk (@thinkpunk)

    Vielleicht zur Klärung: Ich setze nicht die Forderung nach Inklusion und verständlicher Sprache mit “halbgarem Und-alle-so-yeah-Feminismus” gleich. Ich bin unbedingt für Inklusion und verständliche Sprache, nur nicht als vorgeschobene Forderung (von Akademiker_innen) mit dem Heilsversprechen “wenn man Euch nur verstehen könnte, würde auch Politik in Eurem Sinne gemacht”. Ich denke, es gibt verständlich formulierte feministische Forderungen. Es gibt Übersetzungen komplizierter Formulierungen (nicht genug) und es gibt losgelöst und unbeachtet vom akademischen Kontext Personen, die inklusiven Feminismus machen.
    Was mich ärgert, ist z.B., wenn manche gut Ausgebildete sagen, Intersektionalität sei so ein kompliziertes, akademisches Konzept, das verstehe doch keine_r. Wo ich mithöre, “und wenn es mir nicht gleich einleuchtet/wenn ich es nicht gleich erklären kann, wie sollen es die weniger Gebildeten verstehen?”. Nur: Intersektionalität ist Fachjargon für einen wissenschaftlichen Zweck. Was es beschreibt, hat in meinem Verständnis gerade nichts mit Akademie zu tun. Auf Wikipedia wird auf “Ain’t I a woman?” und Ähnliches verwiesen. Also auf Erfahrungen von Ausschluss durch Elitäres und dem Widerspruch und Widerstand dagegen. Diese Erfahrungen machen Menschen weiter, sie haben Erklärungen dafür und Forderungen deswegen. Es kommt nicht darauf an, denen, die es erleben, erklären zu können, was Intersektionalität ist. Es geht darum, diese Forderungen anzuerkennen und den Platz zu schaffen, damit die gehört werden.
    “Und-alle-so-yeah-Feminismus” ist für mich die Vorstellung, dass Sprache so angepasst werden kann, dass sie bei den Entscheidungsmächtigen oder im Mainstream “richtig” ankommt. Das halte ich für eine Illusion, aber liege gerne falsch.

    Zur Bubble: Ich weiß auch nicht. Es war halt mehr Rant als kohärent. Ich lese und höre immer wieder “Ihr mit euren Unterstrichen und Sternchen und Trigger-Warnungen und Safe Spaces lebt in einer feministischen Bubble und kümmert Euch nicht, was draußen passiert, oder ob Euch da jemand versteht.” Da wär ich lieber in dieser ominösen Bubble als bei denen, die sowas erzählen. Vielleicht ist die Bubble die Gesamtheit der Leute, die denkt, dass es sowas wie Sexismus gibt und die gleichzeitig nicht denkt, dass das Problem die Entfernung des Feminismus vom Mainstream ist. Oder sie ist ein Konstrukt, das eins sich besser nicht aneignen sollte, dann vergessen wir es.
    Ich geb zu, ich hab da nicht so recht verstanden, was du meinst. Die Akademiker_innenschlacht wäre für mich ein Nebenkriegsschauplatz, weil ich es wichtig finde, dass wissenschaftlicher Nonsens jedes Mal entkräftet wird (z.B. hinsichtlich Hirnforschung). Wichtig ist genauso, Schreibweisen entwickeln, mit denen sich mehr Menschen mitgemeint fühlen; Podcasts aufnehmen, in denen hetero-/cis-/sexistische Kindermedien auseinandergenommen werden oder erzählt wird, was Leute unter “cis” verstehen; anderen Leuten von der Existenz dieser Dinge erzählen; auf Klassismus hinweisen; demonstrieren; im Briefe-ans-Amt schreiben ermutigen; für geschlechterneutrale Toiletten werben … Alles halt.

    Ansonsten verstehe ich manches weitere nicht und anderes bestimmt falsch, würd den Text aber trotzdem gern absatzweise anmarkern und dreifach unterstreichen. Uni-Erfahrung und Adorno-Blogs inklusive und insbesondere. Danke.

  3. shehadistan

    so, ich versuch nochmal meine ganze soße hier rein zu kopieren:

    das mit der schwierigkeit, dass wir eben die sachlage haben bestimmte wörter zu nutzen, habe ich ja schon gesagt. elitär, diskriminierung, inklusion, haben wir ja auch alles auseinander klamüsert. schwer, und i dunno wie das zu lösen ist.

    geht mir in meinem text ja auch nicht darum, mir da irgendwie ein „elitäres“ publikum zu wünschen. meine: ein publikum, das weiß was ein barcamp ist, das kontexte kennt und und und. die sind – machen wir uns ja nix vor – ja schon da, sobald sie eben nicht das fenster schließen wenn da irgendwo ein wort auftaucht, das nur [fast nur] als kulturcode dieser szene bekannt ist.

    wenn in der taz steht: „Dass feministische Anliegen oft selbst verschuldet am Mainstream vorbeischrammen.“, dann ist das für mich so ´ne nebelkerzen-taktik, die so tut, als sei das „attraktivitätsproblem“ des feminismus eins der kommunikation. weil, eigentlich wär feminismus ja was zum voll spitze finden, aber, ha, diese leute da kriegen das nicht erfolgreich verpackt. wobei ich die abwehrmechanismen da woanders vermute.

    und, ha, eigentlich wird es ja dann noch perfider (!) – die eigentlichen widerstände/missverständnisse/whatever würden eben von den leuten (einself) kommen, die keinen zugang (aus welchen gründen auch immer) zu feministischen wissen hätten. und wenn ich da drüber jetzt nochmal nachdenke, dann finde ich, das wird ja wirklich immer besser. my face. (ist aber nur meine lesart, korrigiert mich ruhig.)

    • kiturak

      Ja cool, danke. Kopier ich auch mal😉

      Also, ich passe mit den Begriffen echt auf bei mir. Also, immer. Heißt nicht, dass ich das toll hinkriege. Ich verwend „diskriminierend“, weil ich weiß, dass Leute den Begriff kennen und verwenden. Genauso „elitär“. Was anderes ist ausgerechnet „Klassismus“: Das Wort hab ich halt drin, weils ne selbst gewählte Bezeichnung ist, von selbst diskriminierten Leuten. Das Wort hat so etwas das Problem wie „PoC“ oder „Monosexismus“ oder „Intersektionalität“. (Nachtrag: Also, die Menschen, die’s betrifft, können damit zum guten Teil nix anfangen. Das macht die Wörter nicht böse, aber ein Problem ist es.) Und ach ja, „Inklusion“ kennt halt im Zweifelsfall keine_r, Studium oder nicht, deshalb hab ichs in der Fußnote erklärt.

      Find ich aber ne wichtige Frage, wie mit sowas umgehen. Aber das meinte ich auch oben mit der „diskriminierungsfreien Sprache“. Nur, um die geht es ja zum Großteil garnicht. Ich stimm‘ Dir ja völlig zu mit der Nebelkerzen-Taktik. Hatte eigentlich auch versucht, mich von zu distanzieren. Ich fand das super daneben.

      Worum’s mir nur geht, ist doch, was ich oben geschrieben habe, das akademische Geschwurbel. Du hast ja davon gesprochen, ich hätte Dich „missverstanden“ (hier auf Facebook nachzulesen), und ich frag mich immer, welches Missverständnis denn? Weil, ich bestreite den ganzen Scheiß ja garnicht, ich kenn das doch seit Jahren. Find auch, Du bringst es super auf den Punkt.
      Aber mir gehts doch darum, sich einfach auf die komplette Ebene nicht einzulassen. Egal in welche Richtung. Damit mein‘ ich, dass es eben falsch ist, sich von privilegierten Leuten ablenken zu lassen, und von dem, was sie wollen. Dass es bei verständlicher Sprache halt um die schlicht nicht gehen darf, und wenn sie hundertmal rumnerven. Sondern dass es eben darum geht, keinen Eliteklüngel zu bilden. Dass das nach wie vor richtig ist. (Betrifft ja auch Ableismus und Adultismus, indirekter eben auch Sexismus und Rassismus und alles.) Nur weil die Jusos das auch wollen, muss es nicht falsch sein.

      Jedenfalls, der Kommentarthread bei Dir ist für mich wieder der reinste Albtraum, was Sprache angeht. Und teilweise echt auch den Elite-Inhalt, also so „zugängliche Orte mit einfachen Erklärungen gibts doch genug, sollen die Leut doch da hin gehen!“ Ja nee, es geht halt um Beteiligung, und das heißt halt nicht ne kleine hübsche Schachtel mit Schleife drum, und dem löffelfertigen Feminismus-Brei zum Nur Noch Konsumieren.

  4. Pingback: Sprache « High on Clichés
  5. Trippmadam

    Danke, Kiturak. Mein Problem ist weniger eine theoretische oder wissenschaftliche Sprache, sondern eine ungenaue und unklare, mitunter sogar grammatikalisch falsche Sprache, die mit ein paar eingestreuten Fremdwörtern und Fachbegriffen zu einem pseudowissenschaftlichen Jargon aufgepeppt wird. Meiner Meinung nach ist des durchaus möglich, wissenschaftlich/fachgebietsbezogen und gleichzeitig verständlich zu schreiben. Muss man lernen, dafür gab es zum Beispiel an der Uni, die meine sprachwissenschaftlichen Gehversuche ertragen musste, in den ersten beiden Semestern die Pflichtveranstaltung „Textanalyse, Stilübungen und Redaktion“. Ich habe es gehasst, aber gebraucht.

  6. thinkpunk (@thinkpunk)

    [Anmerkung: Das hier ist der Versuch, einen ersten unveröffentlichten Kommentar nochmal verständlicher zu formulieren. Danke an kiturak für die ganzen Hinweise! Verständnisfragen willkommen.
    Diese Debatte ist ja quasi schon wieder durch (und in Teilen ist das bestimmt auch gut so). Der Vollständigkeit halber – da mein queer_in theory-Text hier auch angesprochen ist – trotzdem noch der entsprechende Senf hinterher.]

    Vielleicht zur Klärung: Ich setze nicht die Forderung nach Inklusion und verständlicher Sprache mit “halbgarem Und-alle-so-yeah-Feminismus” gleich.
    Ich bin für Inklusion und verständliche Sprache. Ich fände es schön, wenn sich mehr Menschen in “der feministischen Bewegung” wohl fühlen würden. Dazu müssen wir einander verstehen. Das sollte ein Grundanliegen für Feminismus sein.
    Was ich kritisiere, ist: 1. Wenn diese Forderung rein strategisch gestellt wird. 2. Von Leuten, die genug Ressourcen hätten, um alle möglichen feministische Forderungen zu verstehen. 3. Wenn sie dazu dient, manchen Feminist_innen zu sagen: “Was Du machst, ist zu seltsam.”

    Menschen, die kein Problem mit Sexismus haben, sagen gern: “Wenn man Euch Feminist_innen nur verstehen könnte, würde auch Politik in Eurem Sinne gemacht”. Das lenkt davon ab, dass sie solche Politik nicht machen wollen.
    Manchmal stimmen Feminist_innen diesen Aussagen zu. Das finde ich besonders enttäuschend, weil gerade die es besser wissen müssten. Es gibt nämlich ganz einfache feministische Forderungen. Und es gibt auch komplizierte Forderungen, die in einfache Sprache übersetzt wurden. Trotzdem sind die bisher nicht umgesetzt worden.

    “Und-alle-so-yeah-Feminismus” ist für mich die Vorstellung, dass Sprache so angepasst werden kann, dass sie bei Privilegierten oder “im Mainstream” “richtig” ankommt. Das glaube ich nicht. Ich denke, Privilegierte wollen oft nicht zuhören. Und “den” Mainstream gibt es nicht.
    Es gibt nicht eine wirksamste politische Sprache. Das zu behaupten ist ein Ablenkungsmanöver. Feminist_innen sollten in jede_r Sprache formulieren. Und sie tun das auch. Aber es müssen nicht alle in jede_r Sprache formulieren können. Und es müssen nicht alle immer für Übersetzungsarbeiten zur Verfügung stehen.

    Was mich ärgert, ist z.B., wenn manche gut Ausgebildete sagen, Intersektionalität sei so ein kompliziertes, akademisches Konzept, das verstehe doch keine_r.
    Wo ich mithöre: “Und wenn es mir nicht gleich einleuchtet/wenn ich es nicht gleich erklären kann, wie sollen es die weniger Gebildeten verstehen?”. Das ist mir zu überheblich. Intersektionalität ist ein Fachwort für einen wissenschaftlichen Zweck. Nämlich, dass sich Leute, die Expert_innen in dem Thema sind, schnell verständigen können.

    Was es beschreibt, hat – so wie ich es verstehe – wenig mit Akademie zu tun. (Wissenschaftler_innen können meiner Erfahrung nach auch gar nicht so viel Schlaues zu Intersektionalität sagen.) Es geht darum, dass Menschen unterschiedlich sind. Es gibt nicht nur Männer und Frauen, und Männer haben mehr Macht als Frauen. Und der Feminismus ist dazu da, weil Frauen gleich respektiert werden wollen wie die Männer. Sondern es gibt viele Gruppen: Frauen*, die einen Rollstuhl zur Fortbewegung nutzen, und solche, die Beine nutzen. Frauen*, die eine Vagina haben, und solche mit Penis und die, wo es nicht so klar ist. Menschen, die sich gar nicht als Frauen* sehen, aber von anderen so behandelt werden. Frauen*, die kein Geld haben und in Europa leben. Frauen*, die ein Kopftuch tragen und andere Frauen* lieben. Jungs*, die gerne Röcke tragen. Männer*, die Männer* lieben, und Kinder erziehen wollen. Menschen, die mit gar niemand Sex haben wollen. Und so weiter und so fort. In ganz vielen Kombinationen. Alle die Menschen können von Sexismen betroffen sein. Und auch von Rassismus und von Klassismus, und von anderen Benachteiligungen. Sie haben deshalb unterschiedliche Probleme und Forderungen.
    Das wissen die Leute aber oft selber am besten. Deshalb ist es nicht so wichtig, dass Feminist_innen erklären können, was Intersektionalität ist. Sondern Feminist_innen sollten den Platz dafür schaffen, dass die unterschiedlichen Forderungen gehört werden.

    Zur Bubble: Ich weiß es auch nicht. Einen Rant schreibt eins ja um dem Ärger Luft zu machen. Es ist eher ein Streifschuss am Thema entlang. Da sind die Argumente oft löchrig.

    Mein Ärger kam daher, dass ich immer wieder lese und höre: “Ihr lebt in einer feministischen Bubble und kümmert Euch nicht, was draußen passiert, oder ob Euch da jemand versteht.” Dieser Satz ist offensichtlich Unsinn. Weil diese feministische Bubble niemand kennt. Jede_r von uns lebt da draußen und muss da mit Leuten reden. Aber wenn es mir schon vorgeworfen wird, sag ich: Ich wär lieber in dieser Fantasiewelt “Bubble”, als bei denen, die sowas erzählen.

    Was Du dazu meinst, hab ich leider noch nicht so ganz verstanden.

    Die “Akademiker_innenschlacht” wäre für mich ein Nebenkriegsschauplatz. Ich finde es wichtig, dass wissenschaftlicher Unsinn jedes Mal entkräftet wird (z.B. in der Hirnforschung). Und dass erforscht wird, wie es kommt, dass sich dieser Unsinn immer noch “Wissenschaft” nennen darf.

    Wichtig ist aber genauso:
    Schreibweisen entwickeln, mit denen sich mehr Menschen mitgemeint fühlen;
    Podcasts aufnehmen, in denen hetero-/cis-/sexistische Kindermedien auseinandergenommen werden oder erzählt wird, was Leute unter “cis” verstehen;
    anderen Leuten von der Existenz dieser Dinge erzählen;
    auf Klassismus hinweisen;
    demonstrieren;
    im Briefe-ans-Amt schreiben ermutigen;
    für geschlechterneutrale Toiletten werben;


    Alles halt.

    Außer: Anderen Feminist_innen vorwerfen, sie würden nie was erklären.

    Ansonsten verstehe ich manches weitere in Deinem Text nicht und anderes bestimmt falsch. Ich find aber trotzdem manche Punkte so toll, dass ich sie anmarkern und dreifach unterstreichen würde. Das zu Uni-Erfahrung und Adorno-Blogs insbesondere. Danke.

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