Besitztums-Bürgerwacht

(crossposted auf takeover.beta)

Nee, ne?

Grad mit Freund zwei Fahrräder abgeholt, aus dem Keller des Wohngebäudes einer Freundin – die üblichen bei ner Keller-Ausrümpelaktion übriggebliebenen Rostgebilde, Licht fehlt, Platten vorn, Platten hinten. Wer will bitte nehmen, Rest kommt weg. (YAY nach Jahren trotz zuwenig Kohle zum ersten Mal wieder ein Fahrrad!! :)) Beide abgeschlossen, Schlüssel zusammen mit ehemaliger Besitzer_in in den Weiten der großen, großen Welt verschwunden. Wir also so, ne?, umständlich mit hochgehobenem Hinterrad ächzend den Kilometer weit geschoben, alle paar Meter Seite gewechselt weil kein Bolzenschneider da.

Was passiert? Was eh irgendwie klar war:
Enter DER BESITZTUMSWÄCHTER! In Form eines Fahrradladenbesitzers im Ladeneingang. Ja, genau der Fahrradladen, in dem immer diese viele hundert bis irgendwie Fantasiepreise kostenden blitzenden Dinger stehen, fancy Accessoires mit Leuchtfunktion, all das.
Ich so (erfreut, Reparaturen im Hinterkopf, hab ich eigentlich noch Flickzeug?) „oh stimmt! Hier ist ja ein Fahrradladen!“
Er so: “Was sind denn das für Fahrräder? Sind das Ihre?”
Ich so „blabla erklär, unsre, Keller, aussortiert, Freundin“, er so „Also sind das nicht Ihre?“

An dem Punkt muss mal gesagt werden, dass mensch vermutlich schon ziemlich weiß sein muss, um sone Aktion wie unsre überhaupt ernsthaft so lala-sorglos in Betracht zu ziehen (edit: siehe Kritik hier). Bei allen anderen hätten nach 20 Metern vermutlich sofort drei von Innenminister Friedrich beschäftigte weiße Nachbarschaftsspitzel die Polizei gerufen. Mal mindestens. Die natürlich bei sowas auch sofort angerückt wäre, racial profiling, ne? „entsprechende Lageerkenntnisse“, „einschlägige [grenzpolizeiliche] Erfahrung“, Sie wissen schon. Gesiezt hätte uns da garantiert keine_r. Weiße haben schlicht gern ne sehr, sehr seltsame Einstellung zu so Dingen.

Also, ich den Typen angekackt, glaubt er ernsthaft? 2-Leute-Prozession über die Bürgersteige, Rostmetallsammlung, Platten. (Leute, bitte, bitte, wir wissen doch, wie Fahrräder klauen funktioniert, richtig?) Er, Seien Sie doch froh, dass es jemand interessiert. Ich, gehört Ihnen der Laden? Er, ja, ich, hier geh ich garantiert nie hin.
Seien Sie doch froh, dass es jemand interessiert! ruft er noch hinterher.

Ja, würd mich freuen, wenn’s jemand tatsächlich interessieren würde, wer warum kein Fahrrad hat. Und wie wir das ändern.

Ich will mich hier nicht als arm-arm hinstellen. Ich hatte zweimal echt teure Fahrräder, meine geliebten geliebten Fahrräder, nie vorher und nie nachher etwas für so viel Geld besessen. Fahrräder, Beweglichkeit, Selbständigkeit, Kraft, Körper fühlt sich gut an, schnell fahren, langsam fahren, freihändig fahren, tagelang über die Berge fahren. Hilft gegen Depressionen (meine). Einmal von Mittelklasse-Familie geschenkt, einmal Jahre später (okay gut bezahlte weiße Mittelklasse Studi-Jobs) zusammengespart. Beide geklaut worden. Beide Male war’s so, so bitter. Klar. Das ist aber nicht das Ding hier.

Das Ding hier ist, dass der Typ mit seinem Laden und seinen 500€-Fahrradschlössern im Sortiment und Diebstahlsversicherungen glaubt, dass die Welt gerecht ist und er deshalb die Besitzenden schützen muss.*

 

als ich ein Kind war, betete ich jeden Abend zu gott er möge mir ein Fahrrad schenken. irgendwann begriff ich dass gott nicht so arbeitet. also klaute ich mir ein fahrrad und betete jeden tag ein bisschen um vergebung. (Postkarte: Discordia)

*Gedankenspiel aus der Traumwelt mit zartlila Marshmallows: Falls der Ladenbesitzer uns nur deshalb angesprochen hätte, weil die Fahrräder billig und alt waren, hätte er ja sogar Recht gehabt. Wer so ein Fahrrad besitzt und darauf angewiesen ist, hat in der Regel so wenig Kohle, dass es wirklich schlimm wäre, es zu klauen. Traumwelt aus.

4 Kommentare

  1. Maxine

    OK, ich stelle mir mal vor, ich stehe in/vor meinem Laden und auf der Straße kommen zwei Leute vorbei, die zwei Rostlauben mit Platten, aber auch mit Schloss die Straße entlangwuchten, weil sie offenbar die Rostlauben nicht aufschließen können. Ehrlich gesagt, meine erste Hypothese wäre, dass die die mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit geklaut haben. Denn wenn die Fahrrädern den Leuten gehören oder wenn die Leute die Fahrräder geschenkt bekommen haben, dann haben die Leute in der Regel den Schlüssel, öffnen das Schloss und müssen sich nicht abmühen. Und Leute klauen gar nicht selten Sachen, die nichts oder kaum was wert sind. Und wenn ich die Leute dann höflich und mit Sie anspreche und frage, ob ihnen die Räder gehören, dann ist das nicht Blockwart und nicht Just World und auch sonst kein Scheiß, sondern durchaus angemessen. Wenn die Situation im Nachhinein harmlos war, ist es ja gut, aber das kann ich im Voraus nicht wissen.

    Und den Unterschied zu den geklauten Rädern des Autors sehe ich überhaupt nicht. Ist der Unterschied, dass das teure Räder waren? Soll ich also Leute nur ansprechen, wenn sie mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit teure Sachen geklaut haben?

    Gedankenspiel: Wenn ich sehe, wie anscheinend zwei weiße Jugendliche einen schwarzen Jugendlichen auf der Straße laut anpöbeln, und dazwischengehe, und danach stellt sich heraus, dass ich die Situation falsch gelesen habe und die Jugendlichen einvernehmlich Quatsch gemacht haben – bin ich dann auch ein „Nachbarschaftsspitzel“?

    Und in den Kopf des Fahrradhändlers reinschauen kann der Autor auch nicht.

    Also ich muss sagen, ich würde mich schon freuen, wenn sich häufiger mal jemand interessiert. Bei möglicher *istischer Gewalt und auch bei möglichen Fahrraddiebstählen. Zivilcourage und so. Haben wir nicht zu viel von in der BRD.

    • kiturak

      Also, ich bin nicht „der Autor“.

      Dann, sorry, dass das so lang gedauert hat, aber unbeantwortet wollt ich den nicht freischalten, und im Moment ist alles bisschen krass in meinem Leben.

      Dann, nee, so läuft Fahrräder klauen einfach nicht. Leute klauen Räder, a) bei Gelegenheit, wenn sie eins grad brauchen. Dann aber kein nicht Funktionierendes mit Platten. b) teure Räder.
      Und? Ja, „Schutz von Eigentum“ ist eben kein Wert an sich, und darum ging’s mir. Den Typen hat das Null interessiert, dass wir die Räder auf völlig legitimem Weg bekommen haben – er hat ja dann immer noch behauptet, das seien „nicht unsre“. Der Typ schützt Eigentum aus Prinzip. Aber wenn wer was klaut (wovon er oder Du natürlich jederzeit ausgehen könnt), dann ist es eben sehr wohl die Frage, wer da was warum von wem klaut. *

      Zu Deinem Gedankenspiel: N Scheiß. Du vergleichst ernsthaft nen potentiellen Rostlaubenklau mit Rassismus? „Zivilcourage“ my ass. Was für Mut verlangt es denn, was zu tun, wo eh die gesamte Gesellschaft hinter Dir steht? OH ER HAT SICH GETRAUT, MICH ZU FRAGEN, WOHER MEIN FAHRRAD KOMMT. Gegen die Machtverhältnisse was tun ist das Wichtige und Gefährliche. Das ist aber nicht das, was Nachbarschaftsspitzel tun, die verteidigen die Macht. Nicht Menschen, die Fahrräder brauchen und/oder haben, sondern Die Rechtmäßigkeit Von Eigentum ™. Aus.
      (edit: Glaubst Du ganz, ganz, ganz ernsthaft, der (weiße) Typ hätte bei nem rassistischen Vorfall auch nur mit der Wimper gezuckt? Null, ich wette eine nicht existierende Million und all meine Autos. Bürgerwacht und Revolutionär_innen sind zwei getrennte Personengruppen mit komplett gegensätzlichen Interessen.)

      *(edit) Und, übrigens, Leute, die Fahrräder wirklich brauchen und benutzen, sorgen üblicherweise irgendwie dafür, dass sie nicht komplett kaputtgehen. Klar, das hat den victim blaming-Anteil, dass das manchmal einfach nicht geht, sehr viele haben einfach keine Möglichkeit, ein Fahrrad unterzustellen. Aber einfach ihrem Schicksal überlassene Fahrräder sind normalerweise schlicht ganz gut erkennbar und massenweise genauso Realität wie Gelegenheits-geklaute Räder. Nur dass es für ersteres ein bürokratisches Monsterunternehmen bis legal unmöglich ist, die sinnvoll neuen Menschen zukommen zu lassen, genauso wie diese Arschlöcher Wohnungen eher leerstehen lassen, als sie Menschen zu geben, die sie brauchen, aber nicht zahlen können.

  2. gor

    gedankenspiele sind anscheinend gerade „in“ [sarkasmus], dann mach ich mit: gedankenspiel: ich stehe vor MEINEM fahrrad-laden, weil…ich rauchen muss, dann schaue ich mich um, weil…mir langweilig ist und sehe zwei personen, rostige alte modrige fahrräder schleppen. möglicherweise schwitzen sie dabei noch und haben rote gesichter, ich bin mir nicht sicher, die personen kommen näher und ich schaue, weil…ich neugierig bin genauer hin und sehe, dass da noch alte rostige modrige schlösser an den teilen dran sind. mein erster gedanke ist…ich sprech die beiden mal an, weil….ich es KANN, weil…ich mich im „recht“ fühle…, weil…ich mich am meisten im Leben für fahrräder und deren verkauf interessiere! ende.
    ich (jetzt wirklich) bin mir sicher, dass es einen beträchtlichen unterschied macht, welche personen alte rostige fahrräder schleppen, und dass sich „der Fahrradverkäufer“ vorher auch ein bild davon gemacht hatte und sich möglicherweise dachte: „…sieht verdächtig aus…“, was wiederum, so meine möglicherweise zu spekulative annahme, ein Indiz dafür seien könnte, dass diese person (verkäufer) einen wertemaßstab verinnerlicht hat, der dem des kapitalistischen verwertungsystems ganz gut entgegenkommt. „sachen können nur gekauft oder geklaut werden, wenn personen „arm/komisch/anders/unterprivilegiert…“ aussehen, dann haben sie mit höherer wahrscheinlichkeit geklaut, als leute die „reich/nomal/privilegiert…“ aussehen.“ was auch beinhalten würde, dass kaufen immer besser wäre als klauen, was aber am thema vorbeigeht.
    mit zivil-courage hat das für mich auch nichts zu tun, abgesehen davon dass ich über das wort „zivil-courage“ noch mal nachdenken muss…

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