Fremdouten, Facebook edition

(wo ist das Format „Rant“?)

Okay, Leute, die mich aus dem meatspace und mit meinem Kreditkartennamen kennen?

ES HAT EINEN GRUND, WARUM ICH DIESEN BLOG UNTER EINEM PSEUDONYM SCHREIBE.

Wie bei Vielen ist es so, dass für mich, zumindest bei manchen Aspekten, dieser Name der „echte“ ist – unter anderem deswegen habe ich mich damit bei Facebook angemeldet und angefangen, den Account so halb zu benutzen.
Ich nutze diesen Namen und diesen Raum, um das Persönliche, MEIN Persönliches, politisch zu machen, an einem Ort, der bewusst NICHT das Umfeld ist, in dem das alles unmittelbare soziale Konsequenzen hat. Ich schreibe über meine Sexualität, meine Behinderung(en), meine Beziehung, meine politischen Ansichten. Das war und ist, unglaublich wichtig, und EMPOWERND, für mich, weil ich diese Freiheit, einfach nur über mich und mein Leben nachzudenken und zu sprechen, ICH ZU SEIN, in unsrer schönen kyriarchischen Gesellschaft nur sehr eingeschränkt habe.

Auch wenn das alles unter den Menschen, die mich gut kennen, mehr oder weniger bekannt ist, gibt es viele Menschen und viele Kontexte (insbesondere fucking PREDATORY politische Kontexte), in denen ich diesen Kram nicht haben will.

Ihr Leute, die mich aus dem politischen meatspace kennt: WAS, glaubt ihr, passiert, wenn ALLE WISSEN, [Person] aus [politischer Kontext] schreibt einen SUPER PERSÖNLICHEN Blog? Oh, und einen POLITISCHEN BLOG?

Eine Menge von Menschen, die mich in der größeren Konsensrealität kennen, wissen von diesem Blog hier, und, liebe Güte, das Ganze ist nicht GEHEIM!!1 ™, mich kennen Leute als Kiturak aus WoW und meatspace, mit denen ich Mühe hätte, für fünf Minuten ein Gespräch zu führen. Aber es ist bisher ein Blog gewesen, von dessen Existenz nicht viele meiner losen und loseren Bekannten aus dem staatlich sanktionierten Leben wussten, den nur die gelesen haben, die es wirklich interessiert hat – statt dessen habe ich über diesen Weg viele viele andere Menschen kennengelernt.

Jetzt meld ich mich bei facebook an und ZWEI TAGE SPÄTER bin ich mitten im fiesesten persönlichen Stress, weil über die coole „Freunde vorschlagen“-oder-whatever-Funktion jetzt an die zwei Millionen Leute, die mich zu ca. 3/4 überhaupt kennen (ok, etwa 20) wissen, dass es Kiturak Anderswo gibt, die [soundso] kennt, und zu denen ich mich jetzt irgendwie verhalten muss.

FFS, warum schreib ich denn über die nym wars?

The people who most heavily rely on pseudonyms in online spaces are those who are most marginalized by systems of power. “Real names” policies aren’t empowering; they’re an authoritarian assertion of power over vulnerable people.

danah boyd

Bitte lest GRÜNDLICH, vielleicht zweimal hintereinander die Liste Who is harmed by a „Real Names“ policy durch.

Und dann stellt Euch Folgendes vor:
Ihr habt drei oder vier Leute zu Euch eingeladen, um Brettspiele zu spielen.
ALLE DIESE LEUTE rufen ALLE EURE ANDEREN FREUND_INNEN UND BEKANNTEN an, und noch ca. halb so viele Unbekannte dazu, und fragen sie, ob sie auch Lust hätten zu kommen?
Und die Hälfte dieser Leute ruft dann bei Euch an und fragt, ob sie auch kommen können.
Und jetzt denkt Euch dazu, statt des Brettspielabends ist es eine „ich OUTE MICH als bi, poly, behindert, Kampflesbe-Feminazi, und eine Reihe anderer Sachen“-Party.

Okay?
Ich weiß, es ist NUR EINE BLÖDE AUTOMATISCHE FACEBOOK-Funktion, und ich WUSSTE, DASS MICH FACEBOOK NERVEN WÜRDE.
Ich wusste nur nicht, wie sehr, und wie unmittelbar.

Ich habe diesen Raum für mich gebraucht, ich will ihn behalten, und ich verzichte lieber auf eine fancy soziale Plattform.
Und ich bin sauer.

25 Kommentare

  1. Cassandra

    Von mir auch nochmal ein ganz herzliches „vielen Dank!“ für die Arbeit, die Du in den letzten Tagen geleistet hast.

    Wer hätte gedacht das dein „Auf die Bank“-Artikel soooo prophetisch sein würde.

    • kiturak

      DANKE Dir. Ja, echt, oder? es wird immer prophetischer – oder auch nicht, wenn man bedenkt, dass der Intersektionalitätsmist nun wirklich nicht seit gestern existiert, und nicht, äh, unmotiviert. Hab da schon seit einer Woche einen Artikel zu rumliegen, der völlig untergegangen ist.
      Ich bin auch völlig aus der Generationendings-Cissexismus-Sache raus inzwischen (das ist auch über dem ganzen Mist die Tage untergegangen), und hab‘ mich noch nicht wieder eingelesen. StressStressStress😀

      @alle: Danke, echt, für die Blumen. Die sind gerade so gut, das glaubt Ihr nicht🙂

    • kiturak

      ja, ne? Hab‘ grad sogar einen ansatzweise victim-blamigen/concern-trolligen Kommentar von jemand abbekommen, der_die (obwohl prinzipiell willkommen/vertrauenswürdig) tatsächlich durch die Aktion erst drauf gekommen bin, dass ich das bin: Muss ich ja mit rechnen, wenn ich mich bei Facebook mit dem Namen anmelde! – Nee, muss ich nicht, ganze Netzwerke von sexuellen Minderheiten halten dicht, wenn es ums Outen von Leuten geht, und das ist wichtig und gut so. Die Kultur müssen wir uns halt schaffen – bzw. aufrechterhalten, was die Netzpseudonyme angeht. – Könnt‘ dazu gleich wieder den nächsten Post schreiben, allein was dahinter steckt! (Dann geh halt nicht als Du selbst auf Facebook, prinzipiell. Nee, Leute.)

      • Zweisatz

        Ja klar, ich muss alles von vorne bis hinten bedenken und vorhersehen, welche meiner Mail-Adressen verbunden womit wozu führen werden? Genau NICHT.
        Aber es ist ja auch eine schöne Mehrheiten-Meinung, dass ein Recht auf Anonymität nicht wichtig sei, weil SIE nicht erleben, wie wichtig es sein kann.
        Und natürlich vertraue ich darauf, dass Leute sich an meine Wünsche zur Anonymität halten und will nicht zu hören bekommen, dass ich halt nie irgendjemandem oder irgendetwas hätte vertrauen sollen! *Augen roll*

        Auf jeden Fall ähm, finde ich es toll, deinen Blog auf die Art gefunden zu haben und bin mir sicher, dass ich hier noch viele erleuchtende Sachen lesen werd‘ *nette Gedanken rüberschieb*^^

        • kiturak

          heh, ja. Nur glaube ich, dass Leute für sone Meinung nichtmal unglaublich privilegiert sein müssen – obwohl’s hilft. Victim blaming bei sexualisierter Gewalt kommt ja sogar von denen, die das selbst schon überlebt haben. Das ist halt die „Standardmeinung“, und als solche schon von vornherein anfällig für *istische Mechanismen.

          Und natürlich vertraue ich darauf, dass Leute sich an meine Wünsche zur Anonymität halten und will nicht zu hören bekommen, dass ich halt nie irgendjemandem oder irgendetwas hätte vertrauen sollen! *Augen roll*

          +100%. Das fangen wir garnicht erst an🙂

      • Zweisatz

        @Victim Blaming
        Das ist natürlich wahr. Aber wie *bekannte amerikanische Bloggerin* schon sagte, kann man gleichzeitig rape survivor und einer solchen Meinung sein … was irgendwie traurig ist.

        • kiturak

          :-/ ja.

          Ich will ihn_sie hier übrigens auch garnicht fertigmachen, (oder die beiden Beispiele gleichsetzen). Worauf ich hinauswollte, ist die problematische „Normalität“ der Annahme.

          Jedenfalls noch, danke auch für Deine Blumen! *sammel*

      • Zweisatz

        @Normalität
        Ich muss aber auch feststellen, dass ich viele Sachen, die eigentlich der common sense einem sagen sollte, erst durch gewisse Blogs gelernt habe. (->Es ist scheißegal, wie man aussieht – vor allem das soziale Umfeld ermöglicht Vergewaltigungen, weil das Opfer wahrscheinlich von Freunden und Bekannten keinen Rückhalt erhalten wird z.B.)
        Und da ich davor der Meinung war, doch recht anständig erzogen worden zu sein (es war z.B. nie die Frage, ob Homosexualität irgendwas Sonderbares sei), macht das schon irgendwie klar, dass man sich wirklich in die Materie einlesen muss, um mal andere Gedanken präsentiert zu bekommen.
        Natürlich können nicht alle Betroffene von jedweder Art von Diskriminierung einfach mal so über feministischen, antirassistische, anti-cis/hetero-sexistische etc. Blogs stolpern.
        Und wenn sie’s nicht tun, können sie sich nur mit Hilfe der Durchschnittsmeinung erklären, warum es ihnen eigentlich so schlecht ergeht und die tolle Antwort lautet dann meist: selbst schuld.
        (Sorry, ist etwas weg vom Thema. Bei Bedarf ruhig löschen.)

        • kiturak

          Nein, das ist garnicht weg vom Thema. Ich hab‘ das nicht so in Worte gefasst, aber darum geht es ja.

          Wenn ich mal selbst darunter leide, ist mein erstes Anliegen halt, mich gegen dieses Aufzwingen dieser „Normalitäts“-Gedanken zu wehren, weil das üble Sachen mit mir macht (wie mit allen, die irgendeine Art von Gewalt erfahren und gesagt bekommen, sie seien selbst schuld).

          Aber ansonsten (und auch in diesem Artikel) ist es für mich wichtig, mir selbst und anderen, denen es ähnlich geht, klarzumachen, wie repressiv diese „Normalität“ funktioniert. Dass es nicht unsere Schuld ist. Dass das Auflehnen gegen die Normalität wichtig ist und ein Teil eines politischen Kampfs.

          „Victim Blaming“ in online-Kontexten ist, wie gesagt, auch nochmal eine eigene Sache. Es gibt all diese unglaublich versierten Leute, die überall schreiben, wer alles was klaut und abgreift und mitschreibt, und wie wir uns schützen müssen aufpassen müssen nichts verraten dürfen niemand vertrauen dürfen diese Technik anwenden jenes hilft auch UND LEUTE, DIE DEN INTERNET EXPLORER VERWENDEN, SIND SOWIESO AN ALLEM SELBST SCHULD. Und, warum lässt Du Deinen Freund beim Sex filmen, wenn Du nicht willst, dass das morgen überall auf Youtube ist?

          Nein.

          Die Kehrseite dieser an sich super guten Datenschutz- Sicherheitskiste mit all den unglaublich engagierten Technikleuten ist, dass die Verantwortung für Übergriffe de facto denjenigen zugeschoben wird, die sich dagegen bitte ordentlich verteidigen sollen. WAS, Du hast NICHT NOSCRIPT?! Davon abgesehen, dass diese ganze Denkschiene unglaublich elitär ist, in der Auswirkung klassistisch und sexistisch (Der Mist kostet Zeit und/oder Geld und technisches Wissen), ist ZIEH KEINEN MINIROCK AN FLIRTE NICHT BETRINK DICH NICHT GEH NICHT MIT HOCH einfach nicht der Ansatz.

    • Zweisatz

      Oh ja, das regt mich auch auf; natürlich weiß ich, dass in den meisten Fällen, wenn ich mein Fahrrad unangeschlossen mitten in der Stadt stehen lasse, bald kein Fahrrad mehr da sein wird, aber habe ICH das Fahrrad dann geklaut? Habe ich mich wirklich hingestellt und die Umstehenden angefleht, es doch bitte unentgeldlich mitzunehmen?

      Und aus leidlicher Erfahrung kann ich die Sache mit der Technik nur unterschreiben. Da ich nach eigener Entscheidung damit zu tun habe, habe ich mit Computern und Internetseiten und überhaupt weniger Probleme bzw. traue mir zu, eine eigene Lösung zu erarbeiten oder kenne, im Zweifelsfalle jemanden, der/die mir weiterhelfen kann – aber ich kann es nicht ausstehen, wenn abfällig über Menschen geredet wird, die nicht technik-affin sind, die -istischen Gründe hast du ja schon genannt.

      Ich finde sogar, „Ich habe absolut kein Interesse für dieses Thema und lasse mir deswegen immer damit helfen“ ist ein völlig legitimer Grund, sich nicht mit Technik oder was-auch-immer auszukennen.

      Interessanterweise ist es ja schlimm, wenn man bei Technik und Politik keine Ahnung hat, aber wenn eine Frau auf Youtube ein Video veröffentlicht, wie man effizienter abwaschen kann, ist es lächerlich?
      Ich finde es sehr logisch, dass die Frau, wenn sie viel Zeit damit verbringt, weil ihr keine Spülmaschine zur Verfügung steht und es anscheinend sonst niemand aus der Familie macht, ein System entwickelt, schneller abzuwaschen. Und anderen die Vorzüge mitteilen möchte. Aber das ist dann lächerlich.
      Den super-hyper-optimierten Computer mit blabla-langweil Betriebssystem und technische-Daten-*gähn* zu haben, ist aber irgendwie von Interesse? Nein. Nicht für alle.

      Nur weil „man“ heutzutage weiß, dass dieses und jenes Verhalten zu diesem und jenem im Internet führen kann, ist es trotzdem noch unangebrachtes victim blaming, wenn man auf die Person mit dem Schaden losschlägt.

      Aber die „Normalität“ ist halt überall und Menschen wissen nicht, dass es weh tut, bis die Schmerzen mal weg sind. (Erinnert mich an Leute, die in einer gewalttätigen Familie aufgewachsen sind und erst ab einem gewissen Alter feststellen, dass das Leben vieler anderer Menschen gar nicht so läuft. Aber bis dahin scheint es, als wäre es nun mal so. Für alle. Normal.)

      • »Paula«

        Zweisatz und kiturak, ihr sagt so viele schlaue Dinge hier, danke danke danke!! Hatte gar nicht bemerkt, dass hier inzwischen so viele Kommentare aufgetaucht sind. Zu dem ganzen Computer-Dingends, Technikwissen, Victim Blaming etc. stimme ich euch 100% zu!

  2. kiturak

    Ich wollte einfach nochmal sagen, wie unglaublich cool es ist, so viele und nette Kommentator_innen zu haben! ICH FIND EUCH AUCH TOLL. Nein, echt, es ist zwar nett, einen Blog zu schreiben, aber nochmal was ganz anderes, wenn es dann wirklich Diskussionen zu gibt und Interesse, und ja, ich bin noch so neu und unbedarft, dass ich rumhopse, wenn es einen tollen Kommentar gibt.
    delilah und Cassandra und Uli und laufmoos und Zweisatz und Mrs Next Match und lantzschi und >>Paula<< und jay und ichbins! (^^) und Bäumchen (wen hab ich vergessen?), ich hab mich so gefreut. UND, Eure Blogs sind ürigens auch super (also, soweit ich sie kenne, und das sind ja nur, äh, drei/vier). Und bei der Gelegenheit kann ich auch nochmal empfehlen, zu Bäumchen rüberzuschauen.

  3. Zweisatz

    Ich habe das Gefühl, so viel rumzuspammen:/ aber

    …und ja, ich bin noch so neu und unbedarft, dass ich rumhopse, wenn es einen tollen Kommentar gibt.

    löst bei mir eine Reaktion aus, die mich daran erinnert:

    I have found that I am absurd about it. I have a work-colleague who’s got some little motor-mannerisms that are semi-frequent in my family. I know very little about this person. I have a bit of prosopagnosia. The result being that I not only can’t tell you anything about him, I do not even recognize him if he is sitting still, but the instant he starts to move and display those mannerisms my lizard brain goes ga-ga for him: “You must be my cousin! I love you! I want to share my food with you and clobber any hyena that may attempt to nibble you!” I think this is very creepy and hope the poor guy hasn’t noticed.

    • kiturak

      Thank you! Though I guess a LOT of it fell into place afterwards, during the discussion with Zweisatz here. So I’ve got awesome commenters, and I love what’s come out of a scary experience. Recommend blogging😉

  4. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Identitäten, Erklärbär_innen und antiqueere Tendenzen – die Blogschau
  5. Angelika

    also ich weiss garnicht was ich dir sagen könnte ausser „you GO“ and „do your thing“ iSv virtueller/solidarität
    ganz klar mE: es ist deine blog und absolut dein rant
    und auch wieder ja meinerseits „nix wie raus aus fratzebruch“ (wurde u.a. bei netzpolitik erläutert/besprochen)
    btw habe mich gefreut, dass du u.a. „nymwar“ bei GF verlinkt hast
    (und wenn ich mich frage „warum machen leudelz sowas ?“ dann fallen mir so pling-plong/spontan stichworte ein wie der Dunning-Kruger-Effekt, willfull ignorance, cognitive bias, „knowledge does not equal behavior change“)

    solidarische greetz

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