Warum Bi kein Anhängsel schwuler und lesbischer Bewegungen sein kann

Eigentlich ist es ganz einfach: Wir haben andere Probleme als Lesben oder Schwule. Nicht nur, aber auch. Wir sind in einer anderen Position. Wir werden auf andere Weise marginalisiert. Wir haben einen anderen Kampf zu kämpfen. Nicht nur, aber auch. Aber es spricht sich zu langsam herum. Und das an sich ist Teil der monosexistischen Situation.

I. Zur Anschauung: Weiße privilegierte Schwule und monosexistischer Dreck

Case in point:

„I’m not bi-phobic—in fact, I love bisexual people so much, I wish there were more of them“

(via)

Dan Savage.

But people get to make their own choices, and lots of bisexuals choose not to be out. While I’m willing to recognize that the reluctance of many bisexuals to be out may be a reaction to the hostility they face from non-bisexuals, gay and straight, bisexuals need to recognize that their being closeted is a huge contributing factor to the hostility they face.
[…]
Bisexual activists like to complain that they’re the most oppressed because (1) it’s a contest, and (2) it’s a good excuse. If they can argue—and unfortunately, they can—that lots of gay people are mean to them (some gay people don’t want to date them, some gay people doubt they exist) and straight people are mean to them (some straight people don’t want to date them, some straight people doubt they exist), then bisexual people aren’t to blame for the bisexual closet. Everyone else is.

Rebecca auf Opinions@Bluebec.com analysiert die ganze Scheußlichkeit samt Link zum Originaltext in Dan Savage is still biphobic.

Kurzfassung kiturak: Victim Blaming (Bi-Menschen outen sich nicht, würden sich alle outen, wäre Monosexismus zum großen Teil abgeschafft) kombiniert mit völligem Ignorieren des monosexistischen Kontextes von Bi Erasure/ Bi Invisibility: Viele von uns sind geoutet, aber werden (je nach aktueller Beziehung/Begehren) als homo oder hetero einsortiert.

Das alles via (<3!):

II. Monosexismus ist unter Schwulen und Lesben genauso normal wie unter Heteros.

Das sind Einzelfälle! So sind doch nicht alle! jammern die frischgebacken selbst identifizierten Bi-Menschen, die es sich nicht mit der schwulen/lesbischen Szene verscherzen wollen, der ersten Anlaufstelle auf der Suche nach einem anderen Leben, der für viele einzigen greifbaren Alternative zur Hetero-Welt.

Das sind keine Einzelfälle. Lest doch eine Runde in den Kommentaren herum (Hier oder hier), oder soll’s auf deutsch sein? es gibt auch meinen Modelesben-Artikel.

Ok? Natürlich sind nicht alle Lesben oder Schwule monosexistische Ärsche. Es sind auch nicht alle Männer geifernde Frauenhasser, oder alle weißen Menschen Sarrazin-Rassisten.
Aber zu viele. Und nicht weniger als unter Heteros.

III. Monosexismus ist etwas anderes als Heterosexismus

Monosexismus hat eine Reihe von Erscheinungsformen, die damit zu tun haben, dass Monosexualität, also die Orientierung zu Menschen genau eines Geschlechts, als etwas „Normales“ oder „Besseres“ gesehen wird. Das ist einfach zu googlen, und fast jede Bi-Seite fängt damit an, eine Reihe monosexistischer Vorurteile zu widerlegen. (Für Fortgeschrittene lesenswert: Shiri Eisner auf Bi Radical: The myth of myth-busting: normalcy discourse and bisexual politics)
Ausschließlich an einem Geschlecht orientierte lesbische oder schwule Menschen haben dieses Problem nicht. Das ist nicht ihre Schuld, aber das macht auch ihre Bewegungen nicht zu solchen, die sich damit beschäftigen. So einfach.

IV. Sex mit dem Feind!! Lesbische oder schwule Strategien können an sich monosexistisch sein.

Ein Teil des Problems ist das Denken in zwei strikt getrennten Lagern.

Liz Highleyman in Identities and Ideas: Strategies for Bisexuals:

Many gay men and lesbians maintain a firm belief in the divisibility of the world into those with same-sex attractions („us“) and those with other-sex attractions („them“); they may believe that these groups are fundamentally different and that their interests are necessarily and perpetually in conflict. Gay men and lesbians often build solidarity by naming heterosexuality and heterosexuals as the „enemy“. Some bisexuals readily accept the „us“ versus „them“ paradigm as long as they can convince the world that bisexuals — or at least the „good bis“ — are part of the gay/lesbian „us“. Yet the very existence of bisexuality can throw a wrench into this neat two-camp system.
[…]
Attempts by bisexuals to attend more meetings, stuff more envelopes, and donate more money to gay causes in an effort to „earn“ the respect and recognition of the gay and lesbian community (a respect and recognition that gay men and lesbians are accorded automatically regardless of their degree of outness or activism) are ultimately futile as long as this clash of worldviews prevails.

Aber auch der „Menschen werden mit einer Orientierung geboren“-Essentialismus (eine Waffe sowohl gegen rechtliche Diskriminierung als auch zur Abwehr von „Umerziehungs“-Bestrebungen) schließt alle diejenigen aus, die zu verschiedenen Zeiten ihres Lebens verschiedene Orientierungen haben.

V. „Unechte Lesben“ und „feige Schrankschwule“: Geduldet in den hinteren Reihen von Gl(bt)

In einer absurden Konsequenz des identitären Zwei-Lager-Denkens wird bi auch in der Gl(bt)-Szene auf eine Art halb-halbe Existenz reduziert, zwischen zwei Ufern, schattenhaft, weder hier noch dort, immer auf dem Sprung und nah am Verrat. Wo die Gold Star Lesbian das Ideal ist, werden nicht (nur) lesbische Frauen immer Mängelexemplare sein. So wie Savage meinen viele schwule oder lesbische Menschen, selbstverständlich für und über Bi-Menschen sprechen zu können, für den „halben lesbischen/schwulen Anteil“, sozusagen, und teilen in „richtiges“ und „falsches“ Verhalten ein nach Maßstäben ihrer eigenen Bewegungen.

Internalisierter Monosexismus: Genauso sehen viele Bi-Menschen sich selbst und ihre politischen Ziele.

Aber wir sind keine unzureichenden Homos oder Heteros.
Wir haben eigene Existenzen.

VI. Wir müssen unabhängig von Lesben und Schwulen über unsere Ziele und Strategien nachdenken.

Wir brauchen Empowerment.
Wir haben auf dem Klappbett im schwullesbischen Zimmer nichts verloren.
Unsere Leben sind unterschiedlich, und bei weitem nicht alle von Monosexismus betroffenen Menschen sind, oder identifizieren sich als, bi.
Aber wir müssen alle für uns selbst sprechen.

VII. Niemand muss sich deswegen von der Szene abschotten.

Noch einmal zu Liz Highleyman:

There is no need for bisexual people to come to a consensus on the best way to organize and build community. To achieve both useful short-term reforms and far-reaching long-term social change, we can benefit from all the various strategies: alliance with the gay and lesbian movement, an independent bi-focused movement, a broad sexual and gender liberation movement, and a push to de-emphasize identity politics and to re-define binary conceptions of sexuality and gender. Bisexual people have different values and different goals (ranging from increased acceptance of same-sex relationships to a change in the very way our society thinks about sexuality and gender), and thus will align with different commmunities and adopt different strategies.

Wir können mit lesbischen und schwulen Menschen gegen den Heterosexismus kämpfen, der uns alle betrifft – nur: Unser Kampf gegen Monosexismus ist nicht originär ihrer. Und je früher wir das begreifen und unsere eigenen Konsequenzen daraus ziehen, desto besser.

Nachtrag 28. 10.: -phobie-Begriffe im Originalartikel durch entsprechende -ismus-Begriffe ersetzt: „Biphobie“ = Monosexismus, „Homophobie = „Heterosexismus“. Begründung: Ableismus. Bitte das auch in den Kommentaren respektieren! Danke.

5 Kommentare

  1. Stephanie

    Vllt. ist eine der Ursachen für die verhältnismäßig unreflektierte Biphophie „der Szene“ diese „Alle vorbehaltslos Willkommen“-Stimmung(!).. wie ich es zumindest anfangs wahrgenommen habe. Es kann eigentlich nur gut ausgehen, wenn zur Enkulturation mehr oder minder Toleranz & Akzeptanz vorausgesetzt wird, ohne den Refelxionsweg zu gehen.
    Andererseits ermöglicht diese Stimmung es vllt. auch, dass die ersten „5 Minuten“ vermutlich verhältnismäßig glatt laufen…

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Tierbefreiung, Bisexualität und Kinderbücher ohne Rassismus – die Blogschau
  3. unwichtig

    Szene – hab ich was verpasst?
    Szenen können bewusst gewählt werden, wäre mir neu das sich die Orientierung wählbar ist. Und von einer „heterosexuellen Szene“ habe ich auch noch nix gehört. Warum überhaupt outen? Für wen?

    • kiturak

      Huhu!

      „Szene“: Oh, Verzeihung. Ja, das Wort ist seltsam, und ich weiß nicht, ob es passt. Seit Stephanies Kommentar hab ich dran rumüberlegt, hab aber verschlafen, das in einen Kommentar zu packen. „Community“ besser? Es geht ja eben darum, zu wählen, mit wem ich in Kneipen abhänge, ob ich in die SichtBar gehe oder in die Hetero-ist-Norm-Studikneipe, ob ich die Mädchenmannschaft lese oder queer.de. Räume, Gemeinschaften von Menschen mit bestimmten sozialen Regeln, und die unterscheiden sich – es gibt eine Trennung zwischen „neutralem“ (= heteronormativ dominiertem) allgemeinem Raum und … sagen wir Subkulturen? „Subsinnwelten„?
      (Sich als Nicht-Hetero-Menschen die gesamte Gesellschaft zu erobern, finde ich auf jeden Fall ein sehr vielversprechendes Projekt.)
      Und da ist eben die Biphobie, die in lesbischen Kreisen verbreitet ist, nicht unbedingt besser als die im Heter@-Mob.

      Zum Outen wann anders.

  4. Pingback: PC mal wieder « Metalust & Subdiskurse Reloaded

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