Prolls und Kampflesben, vereinigt Euch! Was wir eigentlich nie über Bisexualität hören wollten, aber leider den Podcast nicht ausgemacht haben

Eine potentiell ca. hundert-teilige Kommentarserie zum Podcast Was Ihr schon immer über Bisexualität wissen wolltet in Deefs und Paulas Bi-Stammtisch aka Bisexualität.org. Ich bin selber bi/queer/pan/poly, also Mono- und andere Sexismen stecken lassen. Danke.

Zur Einführung: Der grausame Irrtum der prinzipiellen Fluffigkeit der Welt

Viele weitgehend privilegierte Menschen kennen das Problem: Eigentlich war immer alles halbwegs machbar im Leben, vielleicht mal in der 8. Klasse oder der Führerscheinprüfung durchgeflogen – aber plötzlich ist irgendwo was schwierig. Ernsthaft schwierig. Schlimm. Schön, aber kompliziert. Schrecklich. Vielleicht merke ich sogar, dass ich durch die ein oder andere Eigenschaft in unserer Gesellschaft von den meisten Leuten nicht gerade cool gefunden werde, oder dass ich damit dachte, allein zu stehen, aber in Wirklichkeit sind da draußen noch andre, denen es genauso geht?

In diesem Entwicklungsstadium gehöre ich zu der unübersehbaren Menge der Menschen, die in dieser Gesellschaft ein Problem erkannt haben und glauben, dass es der geheime Mittelpunkt der Welt ist – zumindest aber, dass alles andre sonst schon soweit halbwegs nett ist.
In diesem Entwicklungsstadium entwickle ich ein Sendungsbewusstsein, um alle Welt über meine neue wichtige Sache aufzuklären, und andre Leute zu finden, denen es so geht wie mir. Und da ich ein netter Mensch bin, und glaube, dass schon alles prinzipiell okay ist, hier bei uns, mache ich mir nicht groß Sorgen, dass ich da was falsch machen könnte.

Das ist, wie viele von uns nach dem ersten Entdeckungstaumel feststellen mussten, ein grausamer Irrtum. Tatsächlich ist es so, dass – VORSICHT SPOILER – die Welt nicht nur insgesamt komplett ungerecht ist, sondern auch alle von uns ständig aktiv diese Ungerechtigkeit fortführen. Unpolitisch und neutral, liebe Leute, gildet nicht und gibt es nicht. (Verdammt, ich kann nicht glauben, dass ich das schreibe.)

So, persönliches Bekenntnis: Ich bin eecht, echt froh, dass ich vor zehn, fünfzehn Jahren keinen Blog hatte. Das mit dem Internet ist fies – ich bin sicher, dass ich in zehn Jahren unter den Tisch krieche bei dem Gedanken, was ich momentan veröffentliche, aber: Vor zehn, fünfzehn Jahren war es schlimmer. Echt. Ihr wollt es nicht wissen. Also, Verständnis vorhanden für Entwicklungen in Persönlichkeit und politischer oder gesellschaftlicher Erkenntnis, aber: Scheiße ist dadurch trotzdem scheiße.

Teil 1: Hippe urbane Menschen und ihre Feind_innen

Zur Sache.
Dieser Teil: Okaye und nicht okaye Vokabeln für Leute, die ich doof finde.

„Proll“ ist, alle meine lieben co-ex-bürgerlichen Kinder, die jetzt eine hippe (Jung-)Erwachsenenzeit durchleben und ihre erste eigene Diskriminierung entdecken: KEIN. OKAYES. SCHIMPFWORT.

Ich habe das früher verwendet. Ich schäme mich jetzt dafür. Fuck, es tut mir leid.

Es ist, anders als Ihr vielleicht jetzt dachtet, nicht so ein Wort, was man schick verwenden kann, wenn man grad die Nase über jemand mit den falschen Klamotten und der falschen Sprache rümpft, und es ist einfach nur ein Ausdruck davon, dass Ihr cool seid und die andre Person uncool. Es handelt sich um, bitte mitschreiben, ein klassistisches Schimpfwort, das Menschen abwertet, die weniger materielles Privileg haben in dieser Gesellschaft als ihr. Das Wort kommt, lest es nach (aber Ihr wisst es ja auch aus Eurer Gymnasialzeit, richtig?), direkt von der Bezeichnung für die unterste gesellschaftliche Schicht im antiken Rom, der Besitzlosen.

Ein kleiner Moment der wikipedia, Fettdruck von mir:

Heute wird Prolet – in einer weiteren Verkürzung auch Proll oder Prolo – umgangssprachlich als abwertende Bezeichnung verwendet für Menschen, deren Umgangsformen und Lebensstil als unkultiviert empfunden werden. Damit findet eine Bedeutungsverschiebung statt von „Angehöriger des Proletariats“ in Richtung „Angehöriger des Pöbels“, und somit eine Verstärkung der abwertend-diskriminierenden Konnotation.

Es gibt, meines anekdotischen Wissens, hier und da reclaiming-Ansätze, von im Gegensatz zu Euch tatsächlich coolen Leuten, die das Wort als Selbstbezeichnung nutzen. Aber wenn Ihr es in der üblichen Bedeutung verwendet? Seid Ihr einfach nur scheiße. Es tut mir leid, das jetzt so sagen zu müssen.

Hippe urbane Alternativkulturkinder dieser re:publica: Ihr wollt doch ein bisschen links wirken, oder? Nicht zu sehr, aber schon irgendwie so, dass Ihr nicht zu den Spießern gezählt werdet? Vermutlich seid Ihr sogar bei den Grünen oder so.

Also, Tipp des Tages? Die Verwendung des Wortes „Proll“ oder „prollig“ in abwertender Bedeutung macht Euch zum Klassenfeind klassistischen Menschen.

Danke.

Nachtrag:
Okay, die Verwendung des Begriffs „Klassenfeind“ war ziemlich daneben. Nicht weil es ein fieser persönlicher Angriff wäre in der Art, wie StefanMz es nahelegt; Diskriminierende Sprache bleibt diskriminierend. Sondern weil die analytische marxistische Verwendung, die ich meinte, eine andere Sache ist als die in UdSSR oder DDR praktizierte politische Verfolgung von Menschen, und letzteres viel eher die geläufige Verwendung ist. Nicht witzig. Westprivileg. Ich Arsch. Verzeihung.

29 Kommentare

  1. Uli

    Die Breitseite hat mich voll erwischt.:-/ Aber im dem Kontext habe ich das Gefühl, dass Klassismus in bürgerlichen Kreisen nicht nur erwünscht, sondern gerade erwartet wird.

  2. StefanMz

    Kann es sein, dass du in zehn Jahren exakt für die personalisierende Klassenfeind-Abwertung unter den Tisch kriechst wie heute dito über den Proll? Ist nicht das permante Feind_innen-Finden eine Grundstruktur in dieser Gesellschaft, in sich stets die einen auf Kosten der anderen durchsetzen, in der wir uns so gegenseitig in Schach halten?

    • kiturak

      Kann es sein, dass Du in zehn Jahren den Unterschied zwischen Kritik der Funktion diskriminierender Sprache einerseits und personalisierenden Angriffen andererseits einsehen wirst? Ja, kann sein. Aber ich persönlich halte es für echt unwahrscheinlich.

      • StefanMz

        Ich habe nicht einen »persönlichen Angriff« nahegelegt, wie du oben ergänzt hast, sondern wollte darauf hinweisen, dass abwertende Ausdrücke, die sich auf Personen beziehen, oft ein sachlich-strukturelles Problem in eines von Personen umwandeln, eben: personalisieren. Das *ist* Kritik der Funktion diskriminierender Sprache, denn Personalisierung ist (oft) ihre Funktion.

        Du hast das Wort ja gerade nicht analytisch-marxistisch verwendet, sondern zur Bezeichung von Leuten.

        Sorry, ich hätte nicht rhetorisch fragen sollen, das war dumm von mir und konnte nur so eine Antwort provotieren.

    • kiturak

      Oh, und: Ist nicht „Die Gesellschaft wird immer schrecklich gruppenbezogen menschenfeindlich sein“ das absolut sinnloseste, essentialisierendste, erstickendste Derailing-Argument in Antidiskriminierungsdiskussionen insgesamt?

      JA!
      „Papa, was Du eben gesagt hast, war rassistisch. [Begründung…]“
      „Kann sein, aber da diese Gesellschaft grundstrukturell immer permanent feindlich Schach spielt, damit wir was zu tun haben und uns gegenseitig auffressen oder auch nicht, ist eh alles egal, und ich mach jetzt den nächsten rassistischen Witz, und Du darfst nix dagegen sagen, weil Pseudosoziologischer Blubber.“

      • StefanMz

        Die Aussage der ersten Illustration ist in der Tat sinnlos etc. In der zweiten Illustration stellst du »die Gesellschaft« außerhalb von »uns« (wir), die irgendwas tut, »damit wir was zu tun haben« etc. Ja, ist nur ’ne Illustration, aber schief.

        Die Problematik ist doppelt: Wir stellen die Strukturen her, die uns beherrschen, samt Sprache und allem. Marxistisch-analytisch »Fetischismus« genannt. Da kann man jetzt entweder auf die Leute zeigen, sprich: personalisieren, oder auf die Strukturen, sprich: »die Gesellschaft macht irgendwas«. So ein Dualismus kann ein endloses Ping-Pong werden. Beide Seiten des Dualismus haben aber auch eine Funktion: Entlastung von der eigenen Verantwortung. Es sind ja »die Leute« (wer auch immer) oder »die Gesellschaft/Gesamtstruktur« verantwortlich, nicht ich.

        Da bleibt uns nichts anderes, als den Zusammenhang von beidem anzugehen, also die Art und Weise wie wir, das, wovon wir beherrscht werden und worunter wir leiden (weil es ja tatsächlich eine verselbstständigte Logik gibt), auch selber herstellen.

        Das war die Aussage von »Grundstruktur in dieser Gesellschaft, in sich stets die einen auf Kosten der anderen durchsetzen«, aka Kapitalismus. In dummer rhetorischer Form.

      • kiturak

        StefanMz, ich habe darauf hingewiesen, dass die Verwendung dieser Worte in abwertender Weise bewirkt, dass die verwendende Person gesellschaftliche Diskriminierung fortsetzt. Das ist keine Personalisierung.

  3. delilah

    ohne die wikipedia-definition bestreiten zu wollen, möchte ich auf brechts „lied vom klassenfeind“ hinweisen. auch diese definition ist wahr, und mittlerweile wären viele tragische strophen hinzugekommen.

  4. pixel

    Ich habe mir den Podcast nicht angehört, weiss daher nicht in welchem Kontext Wort „Proll“ benutzt wurde. So von meinem Sprachverständnis her würde ich Proll aber nicht unbedingt als klassistisch einstufen, das überzeugt mich um ehrlich zus ein nicht. Die Etymologie ist dabei nicht unbedingt hilfreich.

    Ich habe als ich deinen Beitrag gelesen habe mal ein spontanes Experiment mit meinen Mitbewohnerinnen gemacht, ohne ihnen zu sagen weshalb. Dabei kam heraus, dass ein Proll für sie jemand ist, der sehr teure oder zumindest teuer aussehende Gegenstände zur Schau stellt. Diese Gegenstände sind dann prollig. Ein Beispiel war das Handy unseres Yuppie-Vermieters. Dabei kann das eine klassistische Komponente haben, weil anscheinend häufig Menschen aus unteren Schichten, die aufgestiegen sind, bemüht sind ihren Status mit sowas darzustellen, während Mittel und Oberschichtsbürger darüber die Nase rümpfen, da der entsprechende Geschmack (im Sinne Bourdieus) „dezente“ Distinktion, etwa über Kulturgüter, vorsieht. Aber ich würde nicht sagen, dass das Wort deshalb per-se gegen Mitglieder unterer Schichten gerichtet ist, da auch jemand der diesen Schichten nicht angehört damit belegt werden kann.

    Abgesehen davon: Wenn diese von dir kritisierten Yuppies in der Unterschicht eine Gruppe sehen, die sie diskriminiert, dann ist wohl kaum die Verwendung des Wortes Proll, als der Grundbefund Ausdruck von Klassismus.

  5. pixel

    Oh, mein letzter Absatz ist nicht ganz glücklich ausgedrückt: Natürlich ist in dem Fall auch die Verwendung des Wortes klassistisch, bzw. das wäre genau ein Beispiel für eine klassistische Verwendung des Wortes. Aber zu problematisieren wäre ja doch die ganze Aussage.

    • kiturak

      eh, pixel? das ist so ziemlich die Privilegierten-Abwehrreflex-Breitseite aus dem Lehrbuch. Würde sich fast mal lohnen, ein eigenes BINGO zusammenzustellen, zentrales Feld „Das wird heute aber nicht mehr so verwendet!“
      Komm, das kannst Du besser, das hier lohnt nichtmal richtig die Antwort.

      Zu Deiner Mitbewohnerin: Da ist kein Widerspruch. „Prollig“ wird, genau wie durch die schlichte wikipedia (wikipedia, mein Gott!)-Definition nahegelegt, auf Menschen angewandt, die mensch für „kulturlos“ hält. Der Podcast ist echt extrem übel, was das angeht, aber auch Deine Mitbewohnerin meint damit Leute, die nicht einfach „kultiviert“ oder „schlicht elegant“ sind, sondern mit Kram herumprotzen. Was auf der intellektuellen Ebene die wahrgenommene Unterlegenheit ist, ist auf Accessoire-Ebene die dicke Goldkette, egal ob sie nun echt oder fake ist.

      Im Unterschied zu „schwul“ als Schimpfwort war „Proll“ nie ein positiv besetztes Wort, sondern immer eine abwertende Fremdbezeichnung. Aber „schwul“ werden auch hetero-Jungs geschimpft, die sich nicht heteronormativ verhalten, genauso „prollig“ Leute, die vielleicht Kohle haben, aber nicht das untrügliche Qualitäts- und Stilgefühl Deiner hippen Mitbewohnerin treffen.

      An alle: Keine weitere Diskussion auf dem Level.
      Vielleicht hilft es Euch, einen diskriminierenden Begriff aus einem anderen Bereich zu suchen, den Ihr als diskriminierend akzeptiert, und das Spielchen damit durchzuspielen, bis Ihr von der defensiven Haltung runterkommt. Vielleicht hilft es Euch, einfach von Anfang an das Ergebnis „Das ist ein klassistisches Schimpfwort“ als gegeben zu akzeptieren, um Euer Denkvermögen von den Abwehrreflexen zu befreien. Vielleicht hilft es Euch, einfach sehr viel zu lesen, vielleicht angefangen im Working Class Students-wiki.

      Bitte betrachtet den Weg, auf dem Ihr zum Ergebnis kommt „Ich will dieses Wort nicht mehr verwenden“ als Euer persönliches Problem, und erwartet nicht, hier Händchen gehalten zu bekommen oder Eure (im Zweifelsfall privilegierten) Abwehrreflexe ausleben zu können.

      • kiturak

        Als Ergänzung: In seinem vorangehenden, nicht veröffentlichten Kommentar weist pixel auf Folgendes hin,

        Im übrigen bestand meine „Testgruppe“ zu 50 Prozent aus Arbeiterkindern. Nur um mal was zu dem Privilegiengrad meiner Mitbewohnerinnen zu sagen.

        Das ändert zwar nicht an der klassistischen Funktion des Wortes, aber mein Seitenhieb an dem Punkt war fehl am Platz und an sich auch klassistisch, da ich die Möglichkeit nicht einbezogen habe in das, was ich geschrieben habe. Verzeihung.

  6. delilah

    pixel: Die Verwendung eines *-istischen Schimpfwortes (als Schimpfwort) setzt ausnahmslos immer voraus, dass der Grundbefund *-istisch ist. Das ist doch eine Banalität. Die beiden logischen Fehler (dass auch nicht-proletarische Menschen damit bezeichnet würden als Gegenbeweis und dein intuitives Sprachverständnis) hat kiturak ja ausführlich widerlegt. Den wiki-Link kann ich auch nur empfehlen.
    Ich finde aber vor allem den von kiturak kurz erwähnten Reclaiming-Ansatz spannend. Ich bekomme z.B. immer wieder mit, dass sich Leute über Menschen, die beim Bahnfahren Bier trinken aufregen – da verblüfft dann schon das Bekenntnis, das selbst öfter mal zu tun (Aber nicht so wie die Junggesellen! Wirklich nicht! :D) . Könnte man wahrscheinlich als „sein Privileg für etwas Positives benutzen“ bezeichnen. Oder man kann sich, wenn man mehr Zeit hat und wenn es denn zutrifft, einfach offensiv selbst dem Proletariat zurechnen, denn im Gegensatz zu Rassismus, Sexismus o.ä. handelt es sich ja hier nicht um konstruierte, sondern um tatsächliche Gegensätze, die man bei der Gelegenheit gut benennen kann.

    • kiturak

      Reclaiming-Ansätze können aber auch problematisch sein, wenn sie nicht von betroffenen Menschen selber kommen – da ist die Grenze zu *-istischer Aneignung/ *-istischer Karikatur manchmal fließend.
      Aber sämtliche muslimische Frauen, die ich gefragt habe, fanden zum Beispiel die Idee, dass nicht-muslimische Frauen aus Solidarität mal Kopftuch tragen, gut bis begeisternd. (außerdem sind Kopftücher schick. hey.) Ich war da unsicher.
      Also Bier in der MRB, ja? Heh.

      Die „Proll“-reclaiming-Ansätze, die ich meinte, kenne ich selbst nur vom Hörensagen über eine lesbische Freundin, die von Proll-Lesben erzählt hat – nicht denen, über die Leute lästern, sondern Frauen, die sich so nannten und z.B. auf Lesbentreffen finanzielle Probleme thematisiert haben.

    • kiturak

      Achso, und @delilah – ich verstehe nicht ganz, wie das mit dem Gegensatz zwischen konstruierten und tatsächlichen Gegensätzen gemeint ist. Aber ist vielleicht auch nicht wichtig.

  7. delilah

    Damit meinte ich nur, dass es Klassen und den Widerspruch zwischen den Klassen im wirklich gibt, Rassen oder Geschlechter bzw. Krieg der Kulturen oder „Geschlechterkrieg“ aber reine Ideologie sind.
    Bier aufn Weg, ja. Aber eher BVG dann =)
    Solche Karikaturen find ich auch ekelhaft, deshalb ja auch „wenn es denn zutrifft“.
    Bei dem Kopftuch-Ding: Die Idee hat natürlich schon ihren Reiz (haha), aber ich würds wohl trotzdem nicht machen. Solidarität mit muslimischen Frauen ist auf jeden Fall wichtig, Kritik an Religion (nicht: am „Islam“!) aber auch.

  8. Andreas Kemper

    Hallo kiturak,
    ich bin über Google-Alert auf diese Seite aufmerksam geworden und finden deine Artikel und deine Kommentare spannend.

    Hallo delilah,
    ich kriege immer einen Drehwurm, wenn ich über den strukturellen Unterschied bezüglich der Konstruktion und „Wirklichkeit“ von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht nachdenke. Inzwischen trenne ich analytisch Produktions- von Reproduktionsklassen, damit deutlicher wird, über was sich verständigt wird. Anlässlich dieser Diskussion hier habe ich einen kleinen Artikel im brandaktuellen Sozialen Wiki verfasst: http://sozialeswiki.de/wiki/index.php?title=Doppelte_Klassenbildung
    Wie das bei solchen 5-Uhr-morgens-Artikeln so ist, bietet dieser Artikel eine breite Nörgerfläche. Aber was haltet ihr von der Idee der „doppelten Klassenbildung“? Und nebenbei: von der Idee des Sozialen Wikis?

  9. Stephanie

    „Ausgangspunkt für eine Politisierung im Hinblick auf die eigene soziale Herkunft waren für die Lesben, die sich später als Prolo-Lesben bezeichneten, das Erfahren bisher unbenannter Unterschiede zu ihren Mitstreiterinnen in der `Lesben- und Anti-Imp-Szene`und der auch durch sie erlebten Diskriminierung. Sie sahen sich mit der Mittelschicht als Dominanzkultur und deren Macht der Bewertung (…) konfrontiert, Hinzu kam die Unkenntnis von Mittelschichts-Lesben gegenüber anderen Lebensrealitäten bzw. einem anderen soziokulturellen Hintergrund und dessen Bedeutung für die Bewältigung des Alltags.“
    Martina Witte „Prolo-Lesben“ in „In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben“, “ S. 178.

  10. delilah

    Hallo Andreas
    Zunächst eine Klarstellung: Meine Differenzierung war in keiner Weise wertend gemeint. Aber das ist ja auch nicht deine Kritik.
    Zu dem Wiki-Text: Ich glaube, es würde dem/meinem Verständnis dienen, wenn der irgendwie.. länger wäre, zumal du da ja einen neuen Gedanken ausführst? Oder steht das so alles schon bei Becker-Schmidt, und von dir kommt nur der Begriff? Das nur zur Form.
    Was mir inhaltlich unklar ist:
    1. Diejenigen, die die kostenlose Reproduktionsarbeit machen, sind meines Wissens vorwiegend Frauen – warum also Rasse, Körper, Klasse?
    2. Welche Klasse soll dieser Reproduktionsklasse antagonistisch gegenüberstehen? Etwa der lohnarbeitende Ehemann? Ohne Klassenwiderspruch sehe ich jedenfalls keinen Sinn in der Verwendung des Begriff Klasse.
    3. Was in dem Artikel gar nicht vorkommt, ist die Spaltung des Proletariats, die durch *-istische Ideologien entsteht und die die Klassengesellschaft stützt. Gehört das da nicht rein oder teilst du das nicht?

    • Andreas Kemper

      Hi delilah,
      klar, der Text wird noch ausführlich. Heute morgen um 5 Uhr hatte ich nur das Bedürfnis, die Idee kusorisch darzustellen und nicht die Power, daraus einen „runden“ Artikel zu machen, wobei ich runde Artikel sowieso nicht mag.
      >1. Diejenigen, die die kostenlose Reproduktionsarbeit machen, sind meines Wissens vorwiegend Frauen – warum also Rasse, Körper, Klasse?
      Es geht zum einen ja nicht nur um die familiäre Reproduktionsarbeit für die individuelle Arbeitskraft, sondern um die Reproduktion des Klassenverhältnisses insgesamt, also auch um die Reproduktion von Arbeitskräften.
      >2. Welche Klasse soll dieser Reproduktionsklasse antagonistisch gegenüberstehen? Etwa der lohnarbeitende Ehemann? Ohne Klassenwiderspruch sehe ich jedenfalls keinen Sinn in der Verwendung des Begriff Klasse.
      Es ist ja nur ein Begriff. Wie würdest du die Gruppe bezeichnen, die aufgrund der sozialen Herkunft diskriminiert wird? Schicht?
      >3. Was in dem Artikel gar nicht vorkommt, ist die Spaltung des Proletariats, die durch *-istische Ideologien entsteht und die die Klassengesellschaft stützt. Gehört das da nicht rein oder teilst du das nicht?
      Doch das gehört in den unfertigen Artikel rein.

  11. »Paula«

    „Prollig“ wird, genau wie durch die schlichte wikipedia (wikipedia, mein Gott!)-Definition nahegelegt, auf Menschen angewandt, die mensch für „kulturlos“ hält. Der Podcast ist echt extrem übel, was das angeht

    Hm… falls dir das so krass negativ aufgefallen ist, tut mir das tatsächlich sehr Leid. Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang das Wort noch so fiel außer im Bezug auf die Nachtcubs, weil ich den Podcast auch nicht mehr gehört habe, aber ich gebe zu, ich habe „Proll“ tatsächlich noch nie wirklich reflektiert als Begriff. Da danke ich dir tatsächlich sehr für deinen Hinweis und werde mir in Zukunft mehr Mühe geben, was mein Sprachverhalten angeht – ich nehme Kritik diesbezüglich ehrlich gerne an, da es in meinem Umfeld leider niemanden schert, wie mensch spricht.

    Mehr kann ich zu deinem Beitrag aber leider nicht sagen, denn ansonsten stellst du ja leider sehr obskure Mutmaßungen an über unsere Herkunft, politische Ausrichtung und weiß der Geier was noch. Schade.

    • kiturak

      Hast Du diesen Kommentar gesehen? Ich hab das nicht nur wegen Eures Podcasts geschrieben. Ich schreib das für die Person, die ich selbst war, für alle anderen, die ich kannte und kenne, von denen ich das gelernt habe und die es immer noch völlig alltäglich und selbstverständlich verwenden, und in Eurem Podcast war es halt besonders krass.
      Natürlich stimmt da nicht immer alles. Es sind auch nicht alle Gentrifizierungsgegner_innen solche Leute, aber die Karikatur ist trotzdem wichtig, weil sie so unglaublich real ist. Anders krieg ich Leute manchmal nicht wachgerüttelt.

      Ich hatte mit Eurem Podcast echt einen Haufen Probleme, manche mehr, manche weniger krass, manches hat mich auch gefreut – es hätte auf jeden Fall jede Kommentarspalte überfordert, das kleine Scharmützel dort hat das ja schon ganz nett gezeigt😉. Deshalb hab ich es hier geschrieben.
      Wenn ich dazu komme, schreib ich den Rest auch noch, aber auf jeden Fall find ich es gut, dass Ihr überhaupt einen Blog zu Bisexualität gestartet habt.

      • »Paula«

        Stimmt, habe den Eintrag eben noch mal gelesen, der Podcast war tatsächlich eher der Aufhänger zum Schreiben, nehme ich an. Und ich verstehe auch, dass Karikatur wichtig ist; ich bekomme von sowas auch oft die besten Denkanstöße. Vermutlich reagiere ich gerade auf obrige generalisierten „Unterstellungen“ etwas pampig, weil ich mit diesem Vorwurf schon oft abgebügelt wurde, obwohl ich selbst aus einer Arbeiter-/HartzIV-Familie komme und es daher einfach nicht leiden kann, mir völlig unreflektiertes Yuppie-Tum vorwerfen zu lassen.

        Und dass du mit dem Podcast einige Probleme hattest, kann ich nachvollziehen. Ich habe mich im Nachhinein auch etwas geärgert, so unvorbereitet drauf losgeplappert zu haben – hatte viele der Fragen nicht mal vorher gelesen, sonst hätte ich mir darüber sehr viele Gedanken gemacht. Aber ich glaube trotzdem, dass es immerhin ein Anfang war.🙂 Und ich lerne ja auch täglich was dazu, gerade jetzt, wo ich mich so langsam öfters im „queerfeministischen“ Umfeld bewege.

    • kiturak

      Ach so, überhaupt: Willkommen und schön, dass Du vorbeischaust!

      Hinter „Proll“ steckt ja eine ganze klassistische Weltsicht, ähnlich wie eine sexistische bei „Schlampe“. Es reicht tatsächlich nicht, einfach das Wort wegzulassen, dann gibt es morgen das nächste Synonym – wenn sich was ändern soll, müssen wir anfangen, die Vorstellung zu bekämpfen, die dahinter steht.

      • »Paula«

        Sehr richtig, aber auch sehr schwierig, stelle ich mir vor. Ich bin grundsätzlich auch gar keine Freundin von Verallgemeinerungen wie „Klassenzugehörigkeit“ oder „Die/Alle [vermeintliche „Gruppe“] sind so und so“… aber auch ich bin zugegebenermaßen nicht immer davor gefeit (hörtest du ja im Podcast)

        Und danke!🙂

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