Ich bin nicht Euer Anti-Ismus-Ticket.

Verehrte, gemochte, interessierte und/oder unbekannte Leser_innen!

Ich schreibe Kram aus einer persönlich geprägten, Weißen, hetero-, mono- und „nur“ sexistisch diskriminierten Perspektive von jemand mit Klassenprivileg, einem nicht wesentlich behinderten Körper und einer psychischen Störung. Das alles sind keine Eigenschaften, mit denen ich mich in jedem Fall oder freiwillig identifiziere, aber es sind Eigenschaften, die meine Wahrnehmung und die Texte hier prägen.

Ihr wollt was über Rassismus wissen?

FRAGT VON RASSISMUS BETROFFENE MENSCHEN.

Ihr wollt was über das Leben mit (anderen) Behinderungen wissen, oder wie Klassismus sich auf das Leben bei uns auswirkt?

LEST DAS WOANDERS NACH.

Fangt bei meiner Blogroll an, wenn Ihr keine anderen Seiten kennt. Und sucht von da aus weiter.

Ich bin vor kurzem wirklich erschrocken, als ein_e Freund_in meinte, ich würde ja immer so viel schreiben und erzählen, dass sie_er die ganzen Blogs nicht noch selber lesen müsste, die ich da verlinke.

Woo hoo.

Das heißt, ich nehme in diesem Fall mit diesem Blog effektiv anderen marginalisierten Stimmen den Platz weg.
Das denkbare Gegenargument „ich würde das ja sonst auch nicht lesen“ verschleiert das nur: In diesem Fall sorge ich sogar noch dafür, dass aufgrund des Desinteresses kein schlechtes Gewissen aufkommen wird.

Noch nie hat mich etwas so sehr dazu gebracht, daran zu zweifeln, ob ich wirklich bloggen sollte.

Freue ich mich, dass es männliche Antisexisten gibt?
Ja.
Freue ich mich auch dann noch, wenn der männliche Antisexist direkt neben mir steht, und der Typ mit der sexistischen Bemerkung vorhin mich nichtmal mit dem Arsch anschaut (UGH hysterische Kampfemanze), aber an den Lippen des charismatischen, entspannten, klugen Antisexisten neben mir hängt, der 70% seiner Gedanken in diesem Bereich von mir hat?
NEIN.

Ich schreibe über -Ismen, weil ich es schrecklich finde, was sie aus unser aller Leben machen. Ich schreibe das aus meiner beschränkten Perspektive.
Ich schreibe das alles NICHT, damit Leute sich bei mir ihr gutes soziales Gewissen für diesen Tag abholen können.

Ende.

2 Kommentare

  1. Bäumchen

    Dieser Blogpost gefällt mir unglaublich gut. Wir können immer nur aus einer gewissen Perspektive berichten, wir können nicht irgendwelche Perspektiven vereinnahmen und uns zum Pressesprecher derselben aufschwingen. Letztens war ich bei einem Südtreffen sich emanzipatorisch nennender Tierrechtler. Viele von ihnen hatten den linken Lifestyle so aufgesogen, dass er nach verinnerlichter Überzeugung aussah. Ja, wir sind alle queere, vegane, alternative, polyamore antiklassistische antirassistische Etceteras. Als mir auffiel, dass nur Frauen in der Küche standen und die Männer (außer mir) die Plenas dominierten, und ich das dann sagte, gabs große Verteidigung und ich wurde suspekt betrachtet. Kein Mann stand danach in der Küche und die Mädels sagten alle: Aber wir sind doch gar keine Frauen.
    Hä? Butler mal wieder falsch verstanden?
    Es waren keine queeren etc. Menschen. Es waren weiße privilegierte Kinder aus bildungsbürgerlichem Elternhaus, alle hetero, alle gesund. Sie übernahmen die Ismen für sich und gaben sich den rebellischen Anstrich damit. Ob sich eine*r von ihnen mal ernsthaft damit auseinandersetzte, bezweifle ich. Schlimm wars dann als einer anfing, die total verkürzte Sicht, die er von der Queer Theory hatte, zu benutzen, um seine offensichtliche Dominanz zu verteidigen und gegen mich als Frau zu wettern.
    Ja, aber cool auf jeden Fall, dass du deine eigenen Grenzen aufzeigst.

  2. kiturak

    Oh, das freut mich, dass Du Dich freust.
    Ja, der reality-check fehlt so oft komplett. Das kenne ich eigentlich aus praktisch allen politischen Bewegungen, die das Leben für alle irgendwie besser machen wollen (links/feministisch/antira/antifa) – alle gehen automatisch von Wunsch = Realität aus, seltsam eigentlich. Ich hab das bis vor einigen Jahren auch nie gemerkt. „Ich seh Menschen als Menschen!“, mhm alles klar. Vor einigen Monaten hab ich einen Typen so was von angeranzt, weil er keinen Kaffee kochen wollte – ich bin seit 10 Jahren in verschiedensten politischen Gremien aktiv gewesen, und immer. kochen. Frauen. KAFFEE.
    Jedenfalls, der Post war natürlich auch eher eine erschreckte Erkenntnis als eine Lösung des Problems, aber ich versuche wenigstens, in jedem Post zu -ismen, die mich nicht betreffen, die Leute zu verlinken und zu zitieren, die das aus eigener Perspektive schreiben. Das hab ich am Anfang fast unabsichtlich gemacht, einfach weil ich manche Blogs und Zitate halt „im Original“ wollte, und wollte, das Leute das auch lesen, weil es einfach so gut ist, und viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt – aber auch, weil es ja für mich Privilegienterritorium ist, und meine Meinung dazu erstmal nachgeordnet.
    Und dann ist mir erst klar geworden, wie wichtig das ist – dass ich lauter weiße Freund_innen habe, die den Antirassismus bei mir lesen statt bei Urmila Goel oder der braune mob, es ist entsetzlich! Aber wenn die Leser_innen schon bei mir sind, überlasse ich dann durch Zitate wenigstens mein Podium anderen, so ist zumindest der Gedanke. (Der auch nicht von mir ist, also: Mein Privileg nutzen, um andere zu Wort kommen zu lassen, ich weiß nicht, wo ich das vor Jahren zuerst gelesen habe, irgendein US-Blog, wie immer, aber zuletzt war es glaub‘ ich Noah Sow.)

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