Verurteilt mich: Ich will nicht nach draußen!

Erst eine Erklärung!
(Wer die nicht lesen will, sondern gleich rumpampen, möge gleich zum vorletzten Absatz springen!)

Inspiriert durch einen Artikel, dessen Meinung ich nicht teile, und darüber wiederum einen anderen der Linksradikalen NichtraucherInnen, den ich hiermit mit unterschreibe (das ist nicht schwer! Barrierefreiheit, Ende), stieß ich auf eine kleine Frage in mir, die mich jedesmal umtreibt, wenn mich diese eine Freundin besucht.

Das Gewissen der Süddeutschen

Das wiederum erinnerte mich an Die Gewissensfrage! Kennt das wer? Das Magazin der Süddeutschen Zeitung bezahlt Dr. Dr. Rainer Erlinger dafür, Ratsuchenden Antworten zu geben auf Fragen aus dem Alltäglichen wie

Darf man sich über ein Schnäppchen auch dann freuen, wenn das Objekt der Begierde höchstwahrscheinlich falsch ausgezeichnet war?

Worauf dann Dr. Dr. Rainer Erlinger anhebt, mühsam und dröge die jeweilige Frage auseinanderzupfriemeln, um sich dann doch zu richtender Größe aufzuschwingen mit rettenden Weisheiten wie:

Und auch wenn es eindeutig Sache des Verkäufers ist, sich um eine korrekte Auszeichnung seiner Waren und die Kompetenz seines Personals zu kümmern, ändert es nichts daran: Das bewusste Ausnutzen eines Irrtums ist nicht richtig.

Nein, nicht wahr? So einfach ist es dann doch. Zum Glück!
Dass Dr. Dr. Rainer Erlinger laut wikipedia auch gleich zusammen mit der reaktionären Dumpfbratze Harald Martenstein im Berliner Deutschen Theater auftritt –

In ihrer Moral-Show diskutieren Erlinger und Martenstein moralische Alltagsfragen und stellen sie dem Publikum zur Abstimmung.

ist aber fast schon zu schön, um wahr zu sein.

Gute Frage: Warum komme ich mit meinem Leben nicht klar?

Ein Fall für sich, all diese Kolumnen samt der Fragen, die an sie gestellt werden, samt der Antworten, die gegeben werden, samt der Fragen, die ich mir stelle, wenn ich sie lese.

Um jetzt eins klarzustellen: Ich will mich hier nicht über die „Hilfe, ich brauche Rat“-Menschen lustig machen! Ich hab selber schon dazugehört, und üblicherweise hab ich meine Fragen mit mir selbst oder näheren Freund_innen abgeklärt – und dass beide diese Parteien ganz schön ins Klo greifen können, wissen wir alle. Sich also eine Meinung von jemand zu holen, die_der sich mit so Dingen öfters schon beschäftigt hat? Und gern nachdenkt? Nicht unbedingt das Dümmste (abhängig davon, an wen mensch sich wendet), und auf jeden Fall vernünftiger und menschlicher, als auf Leute einzudreschen, die sich öffentlich zu Unsicherheit oder Schwäche bekennen.

Und es ist ja auch interessant! Die meisten bewusst in ihrer eigenen Diskriminierung herumstochernden Menschen werden das kennen, die Herumfragerei an „ganz normalen“ Sachen, die eben nicht ganz normal sind, sondern toll oder schrecklich oder über Jahre hinweg eine_n dazu bringen, dann doch Französisch statt Mathe zu studieren oder in Depressionen oder A Life Of Tax Forms stürzen: Diese Fernsehwerbung oder jene beklemmende Situation gerade oder ist es jetzt Zufall, dass genau das gerade zum siebten Mal in vier Wochen passiert?

Einfache Antwort: You’re being a total shit

Also, die Frage ist nicht das Problem – vielleicht noch manchmal die Haltung, die dahintersteckt. Die Antwort ist es sehr oft. Ob das „überraschende“ Einsichten zu einer bisexuellen Freundin sind („get yourself an actual lesbian girlfriend„), oder zu von Dritten sexuell missbrauchten Menschen in poly Beziehungen („Since that incident, I cannot stand sex with my husband“-„You’re being a total shit. […] Cut the boyfriend off—for the indefinite future—and get your ass onto a counselor’s couch.“), Ratgeber_innenkolumnen anzuschreiben geschieht auf eigene Gefahr – und je marginalisierter dein Leben, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass eine Kolumne dir bestenfalls Anlass zu sarkastischem Humor bietet. Der vielleicht auch irgendwie was wert sein mag. Die erstaunliche Sicherheit aber, mit der Leute pauschalisierende Generalurteile über das Leben anderer fällen, verhält sich meist ziemlich exakt indirekt proportional zu ihrer Kompetenz in diesen Fragen. Was ja nun auch keine so revolutionäre Erkenntnis ist.

Das ist aber alles für mich gar nicht mehr von Belang, denn: Ich habe ja jetzt einen Blog! Und meine sehr wohl revolutionäre Erkenntnis (und verderbt es mir bitte nicht damit, dass das am anderen Ende der Welt jemand schon seit 20 Jahren tut!), meine logische Weiterführung und Fortentwicklung von Frag-Onkel-Rainer, inspiriert von den Berliner Moralikern und diesem lustigen crowdsourcing Troll-fail der letzten Tage, die Ratgeberinnenspalte der Zukunft, ist:

Meine neue Kolumne: Verurteilt mich! Denn der Mob weiß, was gut für mich ist.

Hehe. (Natürlich JEDER Mob, nicht nur dieser!) Also, wie ich mir das vorstelle, ist Folgendes: Ich stelle mein Problem vor, und alle, die Lust haben, können mich verurteilen. Das sind vielleicht nicht viele unter den fünf, sechs Menschen, die hier lesen, aber andererseits eine einzigartige Gelegenheit, es mir für meine Gemeinheit und den unmöglichen Umgangston ™ meiner Moderation heimzuzahlen: URTEILT!! Ich freue mich auf Eure erfrischende Meinung zu meiner Rücksichtslosigkeit, meiner generellen Lebensunfähigkeit, der speziellen Unverantwortlichkeit meinerseits, überhaupt am sozialen Leben teilzunehmen, alles!
Beispiel.
F: Ich hab schon wieder nicht abgewaschen. Muss ich aufstehen, oder ist es ok, weil mein Mitbewohner ein Typ ist und deshalb IMMER ALLES abwaschen muss, um 4 Millionen Jahre Patriarchat abzubüßen? Was ist mit dem komischen schimmligen Marmeladenglas?
A: Du bist einfach das Letzte! Wegen Leuten wie dir sind schon die Dinosaurier ausgestorben, und ich überlege ernsthaft, nachzuziehen, wenn ich noch einmal so was lesen muss! Wenn ihr Euch keine Spülmaschine leisten könnt, zieht halt mal zwei Pullis übereinander an!
So ungefähr.
Seid Eurerseits versichtert, dass mir Eure Meinung nicht nur komplett egal ist, sondern ich eh alles lösche, was mir nicht passt! Das wird toll. Ratgeber_innenkolumne 2.0. So say we all!

Die erste Frage: Muss ich auf den Balkon, auch wenn ich garnicht rauche?

Womit wir wieder beim Anfang wären. Diese Scheißkippen! Meine sehr geschätzte Freundin besucht mich, schleppt sich unter einigem Einsatz die Treppen nach oben, wir sitzen im extra geheizten Wohnzimmer und quatschen gemütlich, oder schauen einen Film – aber sie will rauchen. Sie raucht! Und raucht, und raucht, und nicht nur raucht sie, sie will Gesellschaft, während sie raucht. Aber der Balkon ist kalt, und ich will da nicht raus! JA ACH, sagt sie. Also, sagt sie nicht! Denn ich weiß, dass das die logische Antwort wäre: Auf meine Rücksichtslosigkeit, mit der ich sie samt ihren Asthma- und Allergieinkompatiblen Spaßstäbchen auf den Balkon verbannen will, um währenddessen in eine Decke gekuschelt schnell die restlichen Chips in mich hineinzustopfen. Also sage ich es nicht erst, sondern wickle mich ein und trotte mit auf den Balkon. Aber jetzt wird die Lage ernst: Es wird Winter! Ich will nicht da raus! Bin ich ein schlechter Mensch?

16 Kommentare

  1. Stephanie

    Gib doch zu, dass es Dir eigentlich nur um die Chips geht! Die Kälte ist ’ne faule Ausrede.

    Ich begleite meine rauchenden Freund_innen immer auf den Balkon… vermutlich weil’s zu selten Chips gibt.

  2. pixel

    Jupp. Du bist eine unverantwortliche (insert random frauenfeindliches wort hier)!

    Äh… worum gings nochmal? Achso! Hm, wie wärs mit nem Heizpilz?😀 Oder so einem Glaskasten mit Dunstabzugshaube im Wohnzimmer? Bei letzterem vergeht ihr bestimmt die Lust am Rauchen von alleine. *swooosh*

    Ihr Büro für Lebensphilosophie, nütliche Ratschläge und glückliche Kompromisse.

  3. charlie

    Ich könnte mir vorstellen, dass sich Nikotinpflasterinnen für Besucherinnen mit asthmaunfreundlichen Konsumneigungen durchsetzen können. Zur Befriedigung des Saugreflexes könnte man alternativ oder ergänzend auch Lollies einsetzen.
    (Siehst du, kiturak? Jetzt bewerfen sie mich! hihi)

  4. Grog

    Da hatte ich voll Bock loszumotzen und dann finde ich erstmal den Motzort gar nicht. Kannst du deinen Blog vielleicht mal gescheit gestalten, damit ich mir nicht immer alles erst durchlesen muss, bevor ich zum Wesentlichen kommen kann! „meiner generellen Lebensunfähigkeit“ das kannst du aber fett unterstreichen, wenn du nicht mal deine Motzplattform hinkriegst.

  5. Uli

    Jetzt habe ich schon diesen ganzen Artikel (mit Links!) gelesen und es gibt trotzdem nichts Salziges und/oder Fettiges zu essen.

    Die Chips sind eine Lüge!😦

        • Uli

          „Aufklärerisch“ benutze ich oft und gern, was? Ich wollte eigentlich die Definition von Kant reinstellen, aber ich lese gerade aus Wikipedia, dass er in besagtem Aufsatz (nicht zum ersten oder letzten Mal) Frauen diskriminiert. Ich könnte sie unter ausdrücklicher Ausklammerung von Kants sonstigen fragwürdigen Ergüssen (derer Einige) benutzen, aber da halte ich mich lieber an andere Begriffe, Definitionen und Personen.
          Ich sehe ein, dass „aufklärerisch“ vorbelasteter ist, als ich dachte, und von abendländischen Kulturen und ihren Philosophien oft romantisiert und überhöht dargestellt wird. Daher verlege ich erstmal auf „Emanzipation“, das ohnehin seltener gebraucht habe.

          Weiterhin: Guter Link. Kekse machen natürlich gar keinen Sinn. Erinnert mich übrigens an einen Artikel, in dem es darum geht, dass von Diskriminierung Betroffene _natürlich_ verärgert sind und sie deshalb auch _natürlich_ nicht wie Bittsteiler bei der Ankreidung auftreten.

        • "diese eine Freundin"

          @kiturak
          Halt dich gefälligst zurück. Diese Ratgeberkolumnen sind nur erträglich, wenn auch andere schlecht behandelt werden und man nicht die Einzige ist, die sich nicht wehren kann.

          Gemeinsam sind wir stark!

          @Uli
          Ist Aufmerksamkeit nicht wie ein Keks? Ich weiß gar nicht, was du und Stephanie mehr wollt, als gelesen zu werden.

  6. Sonnenkuh

    Liebe Kiturak, ich muss schon sagen: Ich bin sehr enttäuscht von dir. Nur weil du nicht den Mumm hast, deiner Freundin zu sagen, dass du keinen Bock hast dich ständig in „10-Minuten“- Smalltalks über ihre unterirdisch langweiligen Interessen zu unterhalten, konstruierst jetzt ein Bequemlichkeitsproblem („mimimi, mir ist ja sooo kalt“) und bist dann nicht mal Frau genug dieses wenigstens ordentlich zu vertreten. Nein, du willst dir auch noch von uns die Absolution holen, dass dieses Verhalten total in Ordnung ist. Das ist echt so armselig, dass mir dafür die richtigen Worte fehlen! Mein Tipp: Mach reinen Tisch mit deiner Freundin und sag ihr, dass du über gemeinsames DvD-Angucken hinaus einfach kein Interesse an ihr hast. Möglicher Weise reagiert sie ersteinmal gekränkt, aber langfristig wird sie deine Ehrlichkeit sicher zu schätzen wissen.

  7. "diese eine Freundin"

    @Sonnenkuh
    Das ist so gemein und gekränkt ist gar kein Ausdruck.

    @kiturak
    Ach darum willst du mir nicht Gesellschaft leisten und ich dachte, es ginge ums Rauchen. Ich bring dir nie wieder Chips mit!

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