Vom närrischen Rassismus

Helau! Ähm, ja! Neues aus Mainz! Kleine Stadt der großen Fernsehübertragungen im Februar.

Und ach, das Sarrazin-Debakel. Kann nicht jemand einen Comic dazu zeichnen, ähnlich wie diesen hier, nur zu Rassismus?

Während der lautstarke Rest des Landes das Unbehagen über Sarrazins giftsprühenden Rassismus schnell darin umgelenkt hat, ihn einerseits wegen Unhöflichkeit abzusägen und ihm im gleichen Atemzug in seiner rassistischen Hetze recht zu geben, in einem nicht endenwollenden Alptraum einer „Integrationsdebatte“, in immer wieder, hundertfach, tausendfach vorgetragener Empörung darüber, dass der Mann doch nur sage, was sich sonst NIEMAND traue von sich zu geben – kann sich das beschauliche Mainz, wo alles etwas lockerer zugeht und ein witzischää Spruch noch geschätzt wird, mit solch einer Feigheit nicht zufriedengeben: Weshalb Sarrazin im Rahmen der größten lokalpatriotischen Ruhm- und Spektakelinstitution, der Mainzer Fassenacht (HELAAU!) nicht nur vor zwei Jahren den „Mainzer Ranzengardisten“ verliehen bekommen hat, sondern von der Ranzengarde auch noch vorgesehen ist, am 2. Januar die diesjährige Laudatio für Lars Reichow vorzutragen, seinerseits von bedeutendem lokalen Ansehen durch vor allem ein, sagen wir es doch, wie es ist: unsägliches Lied über – ratet? Mainz selbst, das von Jung und alt in forgeschrittenem Betrunkenheitsgrad gesungen gern für Stimmung sorgt. Welcher Art auch immer.

Reiterkorps der Mainzer Ranzen Garde.
(Foto: Reiterkorps der Mainzer Ranzengarde. Weiße Menschen mit Fastnachtsuniformen – Militärprunk des 18./19. europäischen Jahrhunderts, nur etwas bunter: blau, weiß, gelb, rot, Dreispitze, Fahnenstangen, komische lange bunte Staubwedel auf den Hüten – auf Pferden.)

Das heitere Mainz, das es sich inklusive Lars Reichow im o.g. Lied nicht nehmen lassen will, mit dem Namen des verstorbenen Lokalbarden Ernst Neger Wortspiele zu machen, die logischerweise natürlich Nicht Rassistisch ™ sind, ist auch ansonsten selten gut zu sprechen auf Spaß- und Traditionsverderber_innen, die beispielsweise Umbenennungen von Straßennamen fordern oder Ähnliches. Und so waren denn auch die Berührungsängste der Fastnacht mit Späßen, die anderswo und -wann vielleicht als rassistisch bezeichnet würden, nicht nur in vergangenen Zeiten eher gering, nein, sie fügt sich auch heute noch hübsch ein in einen entspannten Umgang des deutschen Karnevals mit rassistischen Stereotypen.

Und so kann es eigentlich auch niemand mehr groß wundern, dass Lars Reichow keineswegs empört ist über seinen vorgesehenen Laudator:

Die Auszeichnung aller bisherigen Preisträger sei „ein Beweis für das Profil der Garde, den Mut zu haben, nicht die Person des geringsten Widerstandes zu wählen, sondern auch schillernde Figuren wie Banker und Kabarettisten“. Er meint: „Eine Garde, die einen Ehrenpreis so weltoffen, so freigeistig vergibt, die ist lebendig, ist zukunftsfähig und damit fortschrittlich im wahrsten Sinne des Rosenmontagszuges!“

Da es natürlich nicht anginge, das heikle Thema der „Ausländerfeindlichkeit“ (Rheinzeitung) ganz zu umgehen, erklärt er uns noch genauer, dass

Die Thesen Sarrazins […] hysterisch aufbereitet von den Medien [wurden].

Ich verurteile die Verlogenheit der Politiker und Persönlichkeiten, die sich schnell und populistisch auf Sarrazin eingeschossen haben. Genauso verurteile ich die ungeschickte Methode Sarrazins, Menschen in gewinnbringende oder verlustreiche Gruppierungen einzuteilen. Die Debatte über Integration sollte trotz allem ehrlich und vielleicht auch zugespitzt geführt werden, damit wir uns nicht in die Tasche lügen.

Dann lassen sie mich meinerseits auch so ehrlich sein, Herr Reichow: Das einzige, was sich bei mir durch ihre teigigen, Rassismus komplimentierenden und umdefinierenden (ungeschickte Methode?! für was auch immer?) Äußerungen zuspitzt, ist der Gedanke, dass die immer wieder gestellten Forderungen, Sarrazin seinen Orden wieder abzuerkennen, in diesem Fall gar nicht ausreichen – dass auch Sie nämlich nicht nur ein mieser Liedermacher sind, sondern hier weder den Geist noch die Moral zeigen, mit irgendwas ausgezeichnet zu werden.
Außer natürlich mit Orden der Mainzer Handkäsmafia und dem Deutschen Kleinkunstpreis.


UPDATE 15. 11.:
der braune mob zu Blackface-Karneval “nicht rassistisch” da in Leipzig und gegen die Kritikbefreiung ™ der Weißen deutschen Witzischkeit im Karneval feat. Blackface.
Verlinkt ist u.a. der Mailwechsel mit den für das Plakat Verantwortlichen, der beispielhaft ist nicht nur für die Aggression, mit der im Ernstfall aus der überlegenen Machtposition heraus auf konsequente Kritik reagiert wird – sondern auch für das Trügerische der Annahme, „gebildetere“ Menschen, insbesondere Studierende, seien in irgendeiner Weise prinzipiell weniger rassistisch als andere.

Rassistische und sonstwie diskriminierende „Späße“ sind nicht lustig, sondern Ausdruck von Hass und Ausschluss von Menschen aus unserer Gesellschaft.
Was rassistisch ist, können im Zweifelsfall die Menschen, die in unserer Gesellschaft von rassistischer Diskriminierung betroffen sind, sehr klar identifizieren.
In keinem Fall aber dürfen diejenigen das letzte Wort haben, die angesichts des drohenden Gesichtsverlusts ihre „Witze“ verteidigen wollen.

Auf einem Fest, das für alle da sein soll, darf Rassismus keinen Platz haben.

Leute, Mainz ist nach wie vor eine der bekanntesten deutschen Städte, was den Karneval angeht. Dieses Nest hat, was den Rummel angeht, vermutlich sogar teilweise sowas wie eine Vorbildfunktion, wenn ich daran denke, was passiert, wenn ich um den Rosenmontag herum aus Versehen an einem Fernseher vorbeilaufe. Um so wichtiger, dass sich hier Leute gegen den Dreck stellen.

2 Kommentare

  1. Pingback: Vom närrischen Rassismus « dokumentationsarchiv
  2. Pingback: Von wegen reaktionäre Kulturwüste: Deutschland gewinnt Realsatire-Preis! | kiturak

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