Fünf Weiße Typen erzählen uns von Unterdrückung, oder: Vermutlich bin ich einfach nicht links.

UPDATE:

Danke an die, die mich mit dem kleinen Satz zu den politischen Bewegungen und der Fortsetzung der Unterdrückung zitieren, ABER: Mir wird ganz mulmig, wenn ich daran denke, dass ich ja nur etwas umformuliert habe, das längst von Anderen in den Raum gestellt wurde – auch wenn das prinzipiell für alles Geschriebene gilt, gibt es doch einige Menschen oder Kreise, die einen sehr starken Einfluss haben, mehr als andere.  Obwohl ich sie unten im direkten Zusammenhang schon deswegen zitiert habe, hier noch einmal Angela Davis:

This notion of intersecting or crosspatched or overlaying categories of oppression is one that has come to us thanks to the work of women of colour feminists.

Diese Auffassung von sich überschneidenden oder zusammengesetzten oder sich überlagernden Kategorien der Unterdrückung ist eine, die wir den Werken von Women of Colour-Feministinnen verdanken.

Ja. Und das wird zuwenig gewürdigt. Danke.

Update Ende.

Fangen wir so an: Neulich fand im Atrium Maximum der Uni Mainz ein Symposium statt zum Thema „VERTEIDIGEN. KRITISIEREN. ÜBERWINDEN. Das Grundgesetz auf dem Prüfstand“, veranstaltet vom Kritischen Kollektiv, organisiert in der IL, diskursiv, der Jenny Marx Gesellschaft, AFP e.V. und dem AStA der Uni Mainz.


Das ist vermutlich nicht nur einen Samstag wert,

dachten wir und tauchten zum zweiten Vortrag auf. Publikum: Deutsche Universitäts-Linke vielleicht, mit ein, zwei Ausnahmen weiß, bloß nicht zu schick, vielleicht etwas weniger Frauen, die Typen vielleicht etwas Wichtiger, so halt. Altersmäßig durchaus gemischter, als es die Veranstaltung an der Uni vermuten ließe.

Die Vortragenden: Deutsche Universitäts-Linke vielleicht, … ja. Nur inzwischen Professoren, und nichtmal mehr Frauen.

Gut, soweit die soziale Realität an den Unis – wobei, falsch. Es gibt People of Colour an unserer Uni, genauso wie Menschen mit sichtbaren Behinderungen. Auch Professorinnen. Mehr als in diesem Raum. Auch anteilig.

So weit also, so mittelmäßig, das Essen (Chili mit Brot, Getränke) kostet, keinen Selbsteinschätzungspreis, sondern feste Preise. Die Veranstaltung muss ja finanziert werden. Gut, kein Thema, trinken kann ich zur Not auf dem Klo, Essen mitbringen.
Und Weiße Männer sind ja nun nicht per se Menschen, die ich nicht reden hören möchte – traurig für eine linke Veranstaltung und auch etwas ärgerlich, wenn man bedenkt, wer es finanziert, aber nun sind die Vortragenden da und können nicht in erster Linie etwas dafür, dass sie alle ein bisschen gleich aussehen. Sie sollen ja zum Grundgesetz sprechen.

Also sprechen sie.
Vom Kapitalismus. Vom Staat.


Ob der Kapitalismus, der Staatskapitalismus mit dem Grundgesetz untrennbar verbunden sei, das eine ein Produkt des andern, die Demokratie die perfekte Staatsform des Kapitalismus, oder nicht, und das Grundgesetz mal Schutz, mal Problem. Greifen sich gegenseitig scharf an, verweisen aufeinander und auf andere kluge Weiße Männer, Rousseau vielleicht oder Marx. Zwischendurch Kurzreferate vom politischen Nachwuchs, vielleicht zehn Minuten, weiße junge Männer. Einer in lila, der in fiktivem Dialog mit einer Freundin spricht und eine Frau zitiert sowie feministischer Kritik erwähnt. Oha. Jeweils anschließend sagen Weiße Männer ihre Meinung dazu, sehr selten und nach langer Diskussion mal eine Weiße Frau.
Zum Schluss die Fishbowl-Diskussion, die unter Beteiligung der drei Hauptvortragenden und einem Redeleiter beginnt, sowie zwei Menschen aus dem Publikum, ein Weißer Mann, eine Weiße Frau.

Nein, die Frage, ob wir außer dem Kapitalismus vielleicht auch noch das eine oder andere sonstige Problem haben, war nicht relevant. Überhaupt, Frauen wollen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit? FALSCH! Das spielt nicht nur dem Kapitalismus in die Hände, das ist sogar eine Erfindung des Kapitalismus – so kann er Frauen gleich doppelt ausbeuten! Dumme Frauen.
Nein, natürlich hat diese Theorie nichts mit dem Hauptwiderspruch-Nebenwiderspruchs-Thema zu tun, das ist einfach nur eine gründliche Analyse. Reden wollten wir trotzdem nicht darüber. Darüber zum Beispiel, ob es andere gesellschaftliche Probleme geben könnte, die sich nicht einfach mit dem Kapitalismus erklären lassen, nennen wir sie rein theoretisch Unterdrückung von Menschen mit Behinderungen oder queerer Identität oder Frauen oder People of Colour. Ob zum Beispiel dadurch die ganze schaffen-wir-das-Gesetz-und-damit-den-Kapitalismus-ab-ist-das-Problem-verschwunden-Analyse nicht in sich zusammenfällt. Wie die Gesetze, die soziale Realität und der Staat entstehen und zusammenhängen. Wie wir zusammenleben wollen, wenn wir finden, dass Gesetze eine dumme Idee sind –

weil es ja eine solche infame Unterstellung ist, dass Menschen einfach so, ohne Staat und Kapitalismus, gemein zueinander sein können.

Problem ist:
Sie können ja aber doch ganz schön gemein sein, die Menschen. Und, ja – genauso, wie ich an eine große Zahl von Göttern glaube und daran, dass es Männer und Frauen gibt, glaube ich an den Kapitalismus. Weil es das alles gibt aus dem Grund, weil Menschen das so finden. Selbst wenn ich nicht daran glauben würde, würde es all das geben, weil Menschen das so finden. Nur, dass wir den Kapitalismus wegmachen können und die Regierungen, und dann haben sich alle lieb und die Macht und die Herrschaft und die Gewalt sind verschwunden, das kann ich nicht glauben. Ich glaube eigentlich auch nicht, dass die andern das glauben. Ich weiß nicht, wie es sonst sein soll, denn so wie jetzt ist es schlimm. Aber ich weiß nichtmal, ob es durch das Gesetze abschaffen besser werden würde oder schlimmer.

Ich will gern mit den anderen darüber reden, oder darüber, wer Gesetze macht und wie und warum, aber sie sagen immer Kapitalismus. Und dann ärgern sie sich und stürmen aus dem Raum, weil wir alle so ahnungslos sind und uns mit unseren dummen politischen Initiativen selber schaden, und dann zischen sie und gucken böse, wenn ihnen wer sagt, dass „farbig“ ein rassistisches Wort ist, vielleicht weil das immer diese Leute sagen, die sich nur wichtig machen wollen und ihnen eins reinwürgen, weil sie die ganze politische Theorie garnicht verstehen. Und sie sind wütend, wenn wer eine quotierte Erstredeliste will: Weil fünf Weiße Männer da sitzen und eine Weiße Frau, eine schreckliche wichtigtuerische Frau (ja ICH!), die das nur macht, um sich die ganze Zeit in den Vordergrund zu drängen, und die die ganze seriöse Diskussion zerstört.

Ich würd gern reden über die Sache mit dem Grundgesetz, aber die Kapitalismusleute und ich, wir reden vielleicht nicht sehr gern über die gleichen Fragen.

Obwohl ich doch auch das mit dem Kapitalismus scheiße finde und abschaffenswert. Aber eben nicht nur das.

Vielleicht bin ich einfach nicht richtig links, dachte ich dann, mal wieder. Und dann dachte ich, ja – genauso, wie ich keine richtige Feministin bin, wenn Feminismus bedeutet, dass es genau einen grundlegenden Gegensatz gibt und immer gab in der Welt: Männer und andere Menschen, vielleicht Frauen, und dass sich aus diesem Gegensatz alles andere ableitet.

Aber Feminismus muss das garnicht sein, und links geht vielleicht mit irgendwelchen anderen Gedanken und Leuten auch anders, mit denen in lila vermutlich, oder denen, für die antira nicht überflüssig ist, solange es antifa gibt. Feministische Linke, Linke of Colour, queere, lesbischwule Linke. Von allen gibt es einen Haufen, sie waren eben bloß nicht (oder fast nicht) da.

Um vielleicht Angela Davis umzuschreiben (danke an No Homonationalism für das komplette Transcript!):
Die linken Leute sind eben auch nicht sexistischer als der Rest, genausowenig wie die Schwulen rassistischer oder Menschen mit türkischer Herkunft homophober. Nur eben auch nicht weniger.
Nur müssen sie sich – wir uns – genauso wie der Rest Gedanken machen, wie wir neue Erkenntnisse über andere Arten der Unterdrückung in unsere Theorie, und in unsere Ziele, einbauen.

Each time we win a significant victory, it requires us to revisit the whole terrain of struggle.

Angela Davis, 22. Juni 2010

Jede politische Bewegung, die nicht die Privilegierung in ihren eigenen Reihen und ihrer eigenen Theorie untersucht, setzt selbst aktiv diejenige gesellschaftliche Unterdrückung fort, die sie vielleicht sogar aufrichtig zu bekämpfen vorgibt.
So funktioniert halt der Kram.
Es muss einfach aufhören, dass politische Theorie von den Menschen getrennt wird, die sie vertreten. Dass so getan wird, als würden Menschen in ihrer politischen Sicht nicht ihre eigene Person, und Sichtweise, und Privilegien, und Beschränkungen in ihrer Sicht durch ihre Privilegien mitbringen. Das Problem ist nicht, dass da Weiße Männer sprechen. Das Problem ist, dass so getan wird, als könnten, und würden sie für alle sprechen.

Und jetzt weiß ich immer noch nicht, wie wir mit Gesetzen umgehen sollen.

Vielleicht hab ich ja dieses Wochenende mehr Glück:

Herbstkongress des Bundesarbeitskreis Kritische JuristInnen:
Zum Verhältnis von Emanzipation und Recht
,
5. bis 7. November 2010 im Institut für vergleichende Irrelevanz, Frankfurt am Main.

19 Kommentare

  1. Pingback: Ein paar unbequeme Wahrheiten « Metalust & Subdiskurse Reloaded
  2. Isi

    Du bist links, du bist eben nur kein heterosexueller, weißer Mann, sondern ein „Nebenwiderspruch“. Ein Nebenwiderspruch im Kampf des weißen und heterosexuellen Mannes gegen den Kapitalismus, gegen die Produktionsverhältnisse. Zwischen Produktion und Reproduktion, zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Beruf und Familie, wird aber immernoch sauber getrennt. Darum bleibt auch linke Kapitalismuskritik so oft unvollständig, weil die Erkenntnis nicht sackt, dass Kapitalismus auch nach Feierabend noch betrifft.

    • kiturak

      Ja – jein … ich finde einfach nicht, dass sich Sexismus allein auf den Kapitalismus zurückführen lässt. Insofern sehe ich ihn gerade nicht als „Feierabendkapitalismus“, aber das meintest Du vermutlich auch nicht. Es stimmt aber, dass eine Kapitalismuskritik, die Diskriminierungen jeder Art nicht berücksichtigt, unvollständig und damit fehlerhaft bleibt. Genauso wie eine Kritik an Diskriminierung, die kapitalistische Gesellschaftsverhältnisse ausblendet.

      Aber die Frage, ob mensch links sei, haben sich bestimmt schon viele gestellt. Fragt sich halt, was das ist, im Grunde, und schon wieder: wer das bestimmt. Oder, ich denk manchmal, und damit bin ich nicht allein: Früher war ich ganz normal – und ohne, dass ich es gemerkt hätte, hat sich die Welt unter mir weggedreht und plötzlich steh ich ganz weit links – und davon sind nur ein paar Schritte die, die ich selber gegangen bin. Das ist nicht nur schade, weil ich den Eindruck hab‘, die Position nicht ausfüllen zu können – sondern, ja, hrm. Weil plötzlich das Normale auf so eine beängstigende Weise rechts ist.

      Wenn ich nun „links“ mit „Kampf gegen Unterdrückung von Menschen“ gleichsetze – dann ist das oft ein ziemlich irreführender Gedanke, da wie gesagt die Linke Unterdrückung ja genauso aktiv ausübt. Also ist entweder die Linke nicht links, oder der Kampf gegen Unterdrückung nicht (primär?) ein linker. Nun ja.

  3. Pingback: Man muss immer an alles denken « Die Schweiz ist ein Rattenstaat
  4. rattenstaat

    zum Update: die Formulierung der angeeigneten Gedanken bleibt trotzdem hübsch und hat also Lob verdient, aber den Verweis auf Angela Davies nehme ich mir zu Herzen. Ich danke für die Vermittlung.

    • kiturak

      Gern. Es gibt ja auch nicht nur Angela Davis, es geht ja darum, dass dieses ganze Konzept sich theoretisch aus dem Schwarzen Feminismus entwickelt hat, der den Rassismus innerhalb des (bis heute auch hier Weiß dominierten) Mainstream-Feminismus kritisiert hat. Falls Du mit der englischen Sprache kein Problem hast, hier ist ein Anfang einer Übersicht, und ich kann nicht oft genug die Blogs von People of Colour empfehlen, von denen ich ein paar verlinkt habe.

      Es ist doch so, wenn zum Beispiel über die Standard-Linke politische Theorie geschrieben wird, ist immer klar, welche Namen im Hintergrund stehen – die Großen Weißen Männer der politischen Theorie. Aber wenn die Theorien von PoC es in den politischen Mainstream schaffen (oder auch Theorien von anderen marginalisierten Menschen), dann verschwindet die Urheber_innenschaft gern unauffällig im Hintergrund, und wird das als irgendwie „neutrales Wissen“ gewertet, das „ja klar ist“, oder so. Ist es aber nicht, unterdrückte Leute haben sich das in blutigen Kämpfen erarbeitet, nur damit Privilegierte das irgendwann von anderen Privilegierten an der Uni lernen können, und so auch noch per default (weil eine Andere Urheber_innenschaft ja explizit genannt werden müsste, um wahrgenommen zu werden) als Weißes (männliches, etc. … ) Wissen wahrnehmen.

      • rattenstaat

        Meine Erfahrung (und komplette Ahnungslosigkeit) bestätigt diese Analysee leider nur – in meinem ganzen (Philosophie-)Studium bin gerade einmal auf eine anekdotische Erwähnug von Fanon gestolpert (was dann natürlich wiederum als blosse Anwendung der hegelschen Dialektik von Herr und Knecht ausgegeben wurde).

        Und jetzt bin natürlich mal ganz sehr gespannt, was dank diesen Lektüren mit meinem Kopf die nächste Zeit passieren, Davies (im oben im Update verlinkten Kommentar) hat ganz recht, „we don’t simply add on.“

  5. Uli

    Ich fühle mich an den fuck up-text von tigerbeatdown (oder Shakesville?) erinnert. Ob der den fünf weißen Typen weiterhülfe? Mir hat er’s jedenfalls. Ich kann manchmal ganz schön pissig werden, wenn ich mal auf meine eigenen Diskriminierungen hingewiesen werde. Dabei bin ich doch immer der Aufgeklärte…😦😉

    • kiturak

      Ich weiß nicht? (Shakesville/PortlyDyke.)
      Die Leute waren ja nochmal eine Stufe weiter als Defensive Nervbacken des Alltags, i.e. alle unter uns😉 – sie waren ja schon wasserdicht theoretisch abgeschirmt gegen den Vorwurf.

  6. Maya

    wer frag statt einfach nur meckert, erfährt so manches Neues…

    1. zu den Dozierenden: die [Veranstalter_innen]haben sich sehr wohl auch um dizierende Frauen bemüht, allerdings nur Absagen erhalten.
    2. zum Essen: die Veranstaltung wurde alleine von [Studierenden] organisiert, die alle kein Einkommen haben. Trotz des ach so teuren Essen und der finanziellen Unterstützung, mussten diese einen Großteil der Veranstaltung selbst bezahlen.

    Aber vielen Dank für´s meckern. Du bist nicht kritisch, sondern posaunst selbst nur Vorurteile in die Welt hinaus, anstatt einfach mal nach zu haken.

  7. kiturak

    Oh hey!

    na da schau. Und jetzt lies Dir nochmal gründlich durch, was ich geschrieben habe, und was Du geschrieben hast, und sag mir, wie Du darauf kommst, dass Deine Informationen irgendwas ändern?
    Um mal geekig aus der Tante Jolesch zu zitieren:
    „Die Genesis interessiert nicht.“

    1. Dann überlegt einfach eine Runde, was Ihr nächstes Mal besser machen könnt?
    Es ging übrigens nicht nur um Frauen, wenn Du genau gelesen hast, und auch nicht nur um die drei Hauptvorträge, sondern auch um die kurzen Vorträge dazwischen und sämtliche Moderationen, und auch nicht nur um die Personen, die gesprochen haben, sondern darüber, welche Themen sie wichtig fanden und welche nicht.

    2. Mir kommen die Tränen. Weißt Du, wenn Ihr für Euer Geld Weiße Männer bezahlt, um Euch was von Kapitalismus erzählen zu lassen unter dem Label „Grundgesetz“, ist mir das herzlich egal. Sache ist nur, dass zum Beispiel über den Zuschuss des AStA 50% Frauen, anteilig Studierende of Colour, behinderte Studierende usw. usf. für die gleiche Sache bezahlt haben, und das ist scheiße. Und ich geb auch nicht gern noch zusätzlich Geld für eine Veranstaltung aus, die wirklich an Diversität in jeder Hinsicht noch den Fachbereich Geschichte untertrifft.
    Ich habe übrigens nicht die Höhe der Preise kritisiert, sondern dass es Fixpreise waren, aber das war nun wirklich nicht mein hauptsächlicher Punkt.

    Aber danke, dass Du hier auch nochmal vorbeischaust, um durch komplette Kritikimmunität meinen Punkt nochmal mehr zu beweisen.

  8. Pancho (Kriko)

    Liebe Kiturak,

    zunächst einmal hast Du mit Deiner Feststellung Recht, dass weiße Männer auf der Konferenz überrepräsentiert waren.
    Auch wenn Dir die einleitenden Moderationen durch unsere (weibliche) Genossin entgangen sein müssen, stimme ich mit Dir überein, dass dies eine bedauerliche Schwäche der von uns organisierten Konferenz ist. Diese deutlich zu machen und zu kritisieren, ist natürlich legitim und ich finde es auch gut, dass Du es zur Sprache gebracht hast.
    Und wie Du schon andeutest, wird der Kritik nicht allein dadurch der Boden entzogen, dass uns im Vorfeld leider zugleich angefragte (weibliche) Referentinnen abgesagt haben: es ist legitim, dass Du die Kritik am Ergebnis übst – die Hintergründe aus der Orga kannst Du ja nicht kennen.
    Sogar für die zugespitzte Form bringe ich jedes Verständnis auf: wenn nur eine heftige Intervention den zu kritisierenden Lauf der Dinge zu unterbrechen, stören vermag, dann halte ich es selbst nicht anders, als eben einen solchen Kontrapunkt zu setzen.

    Weniger hilfreich bis ärgerlich ist es dann hingegen, dass Du Deine berechtigte Kritik zu einem in epischer Breite vorgetragenen Diss ausbaust, der vor Unterstellungen, Verallgemeinerungen und schlichten Fehlbeobachtungen nur so strotzt.

    Ein zentraler Punkt:
    Dass der dreitägige BAKJ-Herbstkongress das Verhältnis von Emanzipation und Recht in einem breiteren Sinne behandelt hat, steht ja außer Frage. Uns ging es eben zentral um die Diskussion des Umgangs mit den, womöglich „falschen“, Freiheiten des Grundgesetzes. Dazu haben wir unterschiedliche Positionen gehört und das Verhältnis verschiedener Unterdrückungen zueinander ansatzweise diskutiert.
    Denn – ganz Recht – auch ohne Kapitalismus können Menschen ziemlich böse zueinander sein, und nach der Überwindung des Kapitalismus macht es nicht *plopp* und alles ist gut.

    Du schreibst: „Frauen wollen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit? FALSCH! Das spielt nicht nur dem Kapitalismus in die Hände, das ist sogar eine Erfindung des Kapitalismus – so kann er Frauen gleich doppelt ausbeuten! Dumme Frauen.“
    Nun, das war tatsächlich in etwa die Position eines der drei Referenten. Wofür dieser von quasi allen Seiten heftig ins Kreuzfeuer genommen wurde. Was ihn wiederum dazu verleitete, zeitweilig den Raum beleidigt zu verlassen.
    Du weiter: „Und dann ärgern sie sich und stürmen aus dem Raum, weil wir alle so ahnungslos sind und uns mit unseren dummen politischen Initiativen selber schaden“
    Sie alle? Nein. Einige? Nein. Lediglich dieser eine Referent stürmte aus dem Raum, eben weil er nicht so recht akzeptieren konnte, mit seiner Position in der Minderheitenposition zu stehen.
    Sich über die knallhart hauptwidersprüchlerischen Positionen dieses Referenten und seine Kritikimmunität aufzuregen, ja – seine Meinung braucht mensch ja nicht teilen. Ebendiese pauschal allen bzw. der Veranstaltung insgesamt unterzuschieben, ist jedoch absurd – wäre es so gewesen, dass seine Position hinreichend Unterstützung gefunden hätte, dann hätte er ja überhaupt keinen Grund gehabt, beleidigt aus dem Raum zu stürmen.
    Nächstes Mal also nochmal nachdenken, bevor Du Deine Generalkritik an einem so fragwürdigen Punkt aufziehst.

    Am Rande:
    Es gibt durchaus Gründe, das Adjektiv „farbig“ als rassistischen Begriff abzulehnen. Ob das rein semantisch aber nicht ebenso auf das englischsprachige Pendant „of colour“ zutrifft, welches Du völlig unbefangen verwendest?
    Aber auch an Begriffen wie „nichtweiß“ lässt sich Kritik üben, suggeriert dieser doch noch stärker, es gäbe mit „Weißen“ und „Nichtweißen“ zwei Sorten Menschen.
    Es ist also alles nicht so simpel, wie Du es darstellst – insbesondere nicht die Debatte um nichtdiskriminierende Sprache.

    Noch mehr am Rande:
    Das Chili war nicht nur „sin carne“, sondern vollkommen vegan. Auch das ist Dir wohl entgangen. Dass dafür keine Preisspanne angegeben war, sondern lediglich ein Richtpreis von 3€, finde auch ich suboptimal.

    „Dann überlegt einfach eine Runde, was Ihr nächstes Mal besser machen könnt?“ Tun wir.
    Aber: überlegst auch Du Dir, was Du nächstes Mal besser sein lassen kannst? Und ich meine nicht Deine berechtigte Intervention, sondern dieses ziemlich aggressive Gedisse auf Basis von Halbwahrheiten.

    Schönen Gruß, Pancho vom Kritischen Kollektiv

  9. kiturak

    Hallo Pancho und alle,

    ich lasse dies hier erstmal unbeantwortet stehen, aus zwei Gründen:

    1. Vor allem: Danke für die Reaktion und die teilweise Anerkennung (ehrlich), aber sorry, Wochenende und Leben und all das – und ich kann und will hierauf keine Antwort aus dem Stegreif rotzen.

    2. Wer ansonsten am Thema interessiert ist: Um einfach mal den Eindruck einer Antwort aus hegemonialer Position auf eine Kritik an Diskriminierung auf sich einwirken zu lassen, die zwar inhaltlich weitgehend recht gibt, aber trotzdem nie die Macht aus der Hand gibt und sich immer noch die letzte Definition darüber vorbehält, welche Kritik, und welche Ansichten zu Diskriminierung, von ihm_ihr akzeptiert werden.

    • kiturak

      So, wisst Ihr – an sich habe ich nichtmal Lust, mich lang mit dieser Auseinandersetzung zu beschäftigen, hiermit eine Bitte an die Veranstalter_innen:

      Wir alle bauen ständig Mist, das gehört dazu. ICH NEHME MICH NICHT AUS.
      DAS MACHT EUCH NICHT ZU SCHLECHTEN MENSCHEN.
      Ich habe Euch aus der Perspektive einer diskriminierten Person eine Gelegenheit geboten, Euch damit auseinanderzusetzen, wie sich speziell der diskriminierende Mist dieser Veranstaltung nahtlos in einen größeren politischen Zusammenhang einordnet. Eure Veranstaltung war tatsächlich nur der Anlass dazu, diesen größeren Zusammenhang aufzuzeigen.

      Nun die Bitte: Was das für Euch bedeutet, macht bitte unter Euch aus, und lasst mich aus dem Spiel. Ihr könnt Euch hier keine Absolution abholen, auch nicht darüber, mir einzelne Fehler nachzuweisen. Falls Ihr unerwarteterweise das Bedürfnis verspüren solltet, mir zu danken: Gern. Mit allem anderen lasst mich bitte in Ruhe, und ich werde auch Eure Kommentare hier nicht mehr veröffentlichen, solange sie sich mit der für das Thema völlig uninteressanten Frage beschäftigen, wer jetzt bei genau dieser einzelnen Frage zu geißeln wäre oder auch nicht. Weil, das interessiert mich nicht. Eure Veranstaltung war zwar krasser als andere, aber eben an sich ein völliger Normalfall innerhalb der ganzen linken Szene, und mich würde viel eher interessieren, wie da rauszukommen ist.

      So, und zum Inhaltlichen (und nein, keine weitere Diskussion, bitte im Einzelfall selbst weiterbilden):
      – ICH HABE NICHT NUR VON FRAUEN GESPROCHEN. Respektiert das endlich, und dass es noch andere diskriminierte Gruppen von Menschen gibt, die auf der Veranstaltung noch mehr untergegangen sind.
      – Ich habe nicht behauptet, dass alle auf der Veranstaltung jedes oben angeführte Verhalten geteilt haben. Mir das zu unterstellen ist absurd – ich bin ziemlich sicher, dass niemand nach dem Lesen meines Artikels der Ansicht war, der gesamte Raum habe sich an einem Punkt geleert, weil alle wütend hinausgestürmt seien. Trotzdem sind Erfahrungen dieser Art eher die Regel als die Ausnahme, weshalb ich in der allgemeinen Form geschrieben habe. Auch der Referent war mit seiner speziellen Ansicht keineswegs isoliert – und die Diskussion darüber machte den Großteil davon aus, wie bei der Diskussion überhaupt das Thema Diskriminierung behandelt wurde, sprich: Zu einer weiter- oder tiefer gehenden Diskussion ist es nie wirklich gekommen. Und da schließt sich der Kreis: Es war ja auch durch die Vorträge überhaupt kein theoretisches Fundament dafür vorhanden. Mein gesamter Punkt war, zu zeigen, wie über das Zusammenwirken „ganz normaler“ diskriminierender Vorgänge in einer politischen Bewegung sich diese selber zu einer diskriminierenden Institution macht. Eure Veranstaltung war, wie gesagt, schon recht krass, aber insgesamt der Normalfall, und das ist mein Problem und lässt mich daran zweifeln, ob ich in der gesamten Bewegung richtig aufgehoben bin, bzw., wie mensch diesen Mechanismen INNERHALB dieser Bewegungen entgegenwirken kann.
      – diskriminierende Sprache: Bitte unbedingt weiterlesen. Bei Betroffenen. Wie auch immer sich von Rassismus betroffene Menschen selbst bezeichnen, und darüber zu entscheiden ist nicht meine Kompetenz: „Farbig“, ebenso wie „coloured“ sind Fremdzuschreibungen, people/person of colour eine selbstgewählte Bezeichnung.
      – Wenn ich noch einmal was von Chili zu hören bekomme! Laut Aussage zweier Menschen stand auf Eurem Schild „Chili con Carne“. Bitte nehmt es Menschen nicht übel, wenn sie (wie meine Freundin) davon ausgehen, dass Fleisch darin ist, und nicht noch einmal extra nachfragen. Liebe Güte. Zu „Richtpreis“ kann ich nur sagen: Nicht nur stand nirgends was von „Richtpreis“, oder „Soviel Ihr bezahlen könnt/wollt, Ihr unterstützt damit die Veranstaltung“ – sogar auf meine direkte Frage wurde mir keineswegs vermittelt, dass Wasser bzw. Kaffee verhandelbare Preise haben, im Gegenteil. Selbsteinschätzungspreise und veganes Essen nützen wenig, wenn das Gegenteil kommuniziert wird.
      – Nachtrag: Wie ich erfahren habe, hat zu Beginn eine Anmoderation durch eine Weiße Frau und Mitveranstalterin stattgefunden. Obwohl ich wie angegeben erst während des zweiten Vortrags kam und nur auf die darauf folgende Zeit meinen Artikel beziehen konnte, sei das hiermit anerkannt. Von Menschen, die „eine Weiße Frau spricht während einer neunstündigen Veranstaltung“ als „Weiße Männer waren überrepräsentiert“ formulieren, möchte ich allerdings nie wieder etwas über „Fehlwahrnehmungen“ hören.

      Und dieser ganze Teil nur zum Vorwuf meiner Halbwahrheiten, Unterstellungen und falschen Behauptungen.
      Ich hab keine Lust, mich hier diskreditieren zu lassen, und mir vorschreiben zu lassen, IN WELCHEM TON ich meine Angekotztheit zu formulieren habe.
      Entschuldigen geht anders.
      Ich habe der Veranstaltung Vorwürfe gemacht, und die waren berechtigt. Ich hasse Euch deshalb nicht, und ich glaube auch nicht, dass ihr wesentlich mehr Mist gebaut habt als ein Haufen anderer Leute auch, zum Beispiel ich. Aber ich habe keine Lust, aufgrund Eures Bedürfnisses nach Rechtfertigung weiter vom Thema ablenken zu lassen.

  10. bigmouth

    lass‘ mich raten: der hauptwiderspruchler war der Krölls, oder? beim lesen des textes hatte ich die ganze zeit schon so „Gegenstandpunkt“-assoziationen (das ist die politische ecke, aus der der kommt), und hab dann erst die referenten-namen nachgeguckt. schon lustig, wie gut man seien pappenheimer irgenwann kennt…

    • kiturak

      Hehe, ja. Wobei er es abgestritten hat. Das war schwierig für uns, es riecht wie die Nebenwiderspruchsthese, es schmeckt wie die Nebenwiderspruchsthese, aber es ist etwas GANZ ANDERES? Ich wollte halt extra einzelne Namen raushalten, weil ich das Problem schon auf einer anderen Ebene sehe. Den Kram kannst du dir ja auch immer noch regelmäßig anhören, auch vom Nachwuchs. Und bei denen, die es nicht so nennen, kommt es mir zum großen Teil schon fast so vor, als sei ihnen einfach nur die Begrifflichkeit nicht bekannt – Theorie und Praxis sind ja die gleiche. Für das Ergebnis ist es ja ziemlich egal, ob „Antidiskriminierung interessiert grad nicht und ist für diese Veranstaltung oder jene Theorie oder meinen Vortrag oder unsere Gruppenzusammensetzung nicht wichtig“ von einem theoretisch unterfütterten Vortragenden kommt, oder vom ak irgendwas.

  11. kiturak

    Ach: Wie wichtig das update war, hab ich in meinem Weihnachtsgeschenk erfahren. Update zum Update, bell hooks! folgt nach der momentanen Blogpause. Sobald ich mal wieder länger als eine halbe Stunde irgendwo in Ruhe sitzen kan.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s