Schweinsteiger und der Respekt

Noch jemand Fussball? Auch wenn’s Männerfussball ist? Ich auch. Hab‘ das gern, guilty pleasure oder nicht.

Umso weniger gern hab‘ ich die ständige rassistische Hintergrundstrahlung, die den Rummel begleitet.
Genau genommen ist es unmöglich, mit Artikeln dem Mist auch nur halbwegs hinterherzukommen.
Wie soll eine über der offiziellen FIFA-Rassenlehre noch dazu kommen, sich über die kleinen oder größeren Rassismen in den spielbegleitenden Kommentaren aufzuregen? Oder über die Reaktion der Presse? Die nationale Panik, kanalisiert in Aggression gegen Vuvuzelas, Bälle, Schiedsrichter?

Aber gut, inzwischen gehen offensichtlich die nebensächlicheren Irritationen aus, die im Vorfeld jedes Spiels zu Skandalen aufgemotzt werden. Oder die Stimmung ist inzwischen einfach angelangt an einem Punkt jenseits allen oberflächlichen Bewusstseins, dass es sich um ein Spiel handeln sollte. Auf jeden Fall wird jetzt direkt die nächste Gegnerin der deutschen Männer-Fussballnationalmannschaft angegriffen – ach, wem will ich hier was vormachen?

DIE NATIONALMANNSCHAFT, und es geht gegen DIE ARGENTINIER.

Den Auftakt gemacht hat Bastian Schweinsteiger, vorgestern.

Video in Kooperation von SPIEGEL TV und kicker

(Hervorhebungen von mir)

MODERATOR: So kennt man Bastian Schweinsteiger. Locker, lässig, spaßig aufgelegt. Das Gesicht, das er jetzt zeigte, kannte man so nicht. Er präsentierte sich als Boss der Abteilung Attacke, indem er den Argentiniern gezielte Provokationen unterstellte.

SCHWEINSTEIGER: Es geht ja schon im Spiel los und auch schon vorm Spiel los. Man hat das schon gemerkt, wenn man die Spiele von den Argentiniern sieht, wie sie gestikulieren, die einzelnen Spieler, wie sie versuchen, den Schiedsrichter zu beeinflussen, (zögert einige Sekungen) und das gehört sich eigentlich nicht. In meinen Augen. Das ist für mich respektlos, aber die Argentinier sin so –

MODERATOR: Beim stolzen Gegner wird diese Argumentation wohl nicht gut angekommen sein. Schweinsteiger spielt auf die handfeste Rauferei nach dem WM-Viertelfinale 2006 an, und als der DFB-Anführer trat er zielsicher noch weiter nach.

SCHWEINSTEIGER: Man hat’s jetzt auch wieder gesehen beim Spiel der Argentinier gegen Mexiko in der Halbzeitpause, oder man merkt es selbst in der – (zögert kurz) ja, die Argentinier an sich, wenn man hört, dass die Fans sich auf, im Stadion zusammensitzen, obwohl sie garnicht die Tickets dafür haben, und andere Gäste müssen dann gucken, wo ist mein Platz, und der ist besetzt, und müssen dann irgendwo sich hinstellen oder so, das zeigt schon ein bisschen ihren Charakter und ihre Mentalität.

MODERATOR: Damit attackierte Bastian Schweinsteiger gleich ein ganzes Land. Klug war das nicht, er hat sich und seiner Mannschaft womöglich einen Bärendienst erwiesen.

Fällt jemandem bei der Moderation etwas auf?
Nein?
Irgendwas, was fehlt? Irgendwas, was falsch ist?

Gut, weiter solange:

Um Schweinsteiger aus dem Mittelpunkt der Medienkritik zu helfen, die vom „Psychokrieg“ (Spiegel), wahlweise „psychologischen Kleinkrieg“ (taz) spricht (da stimmt doch was nicht?), haben sich sein Team-Manager Bierhoff und sein Kollege Philipp Lahm zur Verteidigung aufgeschwungen.

MODERATOR: Seine kritischen Äußerungen vor versammelter Weltpresse haben ordentlich Staub aufgewirbelt. Bastian Schweinsteigers abfällige Einschätzung vom Viertelfinalgegner Argentinien und der argentinischen Mentalität an sich – nur ein Psychospielchen?

BIERHOFF: Man kennt auch Bastian, er is n bisschen locker, er is auch mal bereit fürn Spruch, es war auch sicherlich nicht seine Absicht, hier irgendwo etwas anzuheizen, das wird natürlich vor som Spiel immer besonders, ähm, thematisiert, aber wer Bastian kennt, der kennt ihn als sehr fairen Sportler aufm Platz immer – Ich find immer, er hat tolle Gesten, er is jemand, der auch irgendwie nich aufm Boden zu lange liegenbleibt, direkt dem Gegner auch die Hand gibt, insofern brauchten wir da nich mit ihm darüber sprechen.

MODERATOR: Ob Psychotaktik oder nicht, verbales Foulspiel war die Gaucho-Kritik allemal, wenngleich Schweinsteigers Worte sicher mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthielten.

LAHM: Wir wissen ja, dass die Südamerikaner sehr, ähm, impulsiv sind, sehr temperamentvoll, nich, nich wirklich verlieren können, ähm, des‘ ja ganz klar, wir hoffen natürlich, dass wir es am Sonntag sehen werden – ähm, wie sie verlieren, und wie sie sich danach verhalten.

MODERATOR: Angespanntes Warten bis Samstag also, heißt es, auch für die pausierenden Lukas Podolski und Mesut Özil – deren Muskelprobleme sollten spätestens bis zum Spieltag Geschichte sein.

Mir fehlen die Worte.

Ganz besonders eins.

RASSISMUS.

verdammt.
Ist es eigentlich nötig zu erwähnen, dass der Begriff „Rassismus“ bisher in keiner breiteren Berichterstattung aufgetaucht ist? In KEINER?
Nur – warum auch, wenn die Berichterstattung den Jungz im Grunde genommen zustimmt?
Bitte verbessert mich, falls Ihr gründlicher recherchiert habt.

Why do a lot of white people shy away from using the word „racist“ to describe something that is, indeed, racist? What’s up with the preference that many have for euphemisms like „politically incorrect“?

stuff white people do: describe racism as political incorrectness.

4 Kommentare

  1. Uli

    Warum wundert es mich eigentlich, dass Personen, die offen Werbung für die Bild machen, solche Aussagen öffentlich von sich geben – und das auch ungestraft dürfen?

    Schweinsteiger: Heh, alle Argentinier sind respektlose Schummler Platzdiebe, die (wie auch immer) gestikulieren.
    Moderation: Das war jetzt nicht nett gegenüber den Kuhtreibern. Mehr aber auch nicht.
    Bierhoff: Der Schweini ist ja grundsätzlich nett und total der faire Sportler, deswegen kann der ja gar nichts Rassistisches sagen!
    Lahm: Und die Südamerikaner sind eh so!

    >:-(

    • kiturak

      Moderation: Schweinsteiger hat inhaltlich total recht, aber kann sein, dass es taktisch nicht so gut war, lauter Leute regen sich auf. Wir mussten sogar diesen pseudo-kritischen Film machen und das Ganze zu einem taktischen Manöver umerklären, bevor es noch ernsthafte Probleme für die Nationalmannschaft gibt. Das läge nun wirklich nicht in unserem Interesse.

    • kiturak

      Moderation: (Nicht das R-Wort. Bloß nicht das R-Wort. Hoffentlich sagt niemand das R-Wort. Wenn jetzt jemand das R-Wort sagt, ist der Teufel los, und das kostet! Bitte nicht das R-Wort! Uff, nochmal gut gegangen. War zwar nicht wahrscheinlich, dass irgendeine Zeitung das R-Wort druckt, aber man weiß ja nie.)

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