Ja, Schatz

Triggerwarnung: Beschreibung extremer Gewaltfantasien (gegen eine Frau)

(Musikvideo: Bodo Wartke, „Ja, Schatz“. Die Texte sind z.B. hier zu finden)

Bodo Wartke ist „lustig“.
Bodo Wartke ist Preisträger des Deutschen Kleinkunstpreises 2004 sowie ca. 47.395 anderer Preise im diesem Bereich, und ich sage Euch, er ist zum Schreien komisch.
Zum Schreien.
Nicht, dass er der Einzige wäre, der in der deutschen Comedy-/Kabarettlandschaft für unglaublich abstoßenden Humor auf Kosten diskriminierter Gruppen von Menschen durch Preise und Popularität ausgezeichnet wird: Das scheint hier eher eine Zugangsvoraussetzung zu sein. (Leute, ist er nicht WITZIG?)

Er ist nur der Einzige, zu dem ich schon mal was geschrieben habe, was ich jetzt hier schön verwursten kann, um meine Kategorie „ironisch“ angemessen zu eröffnen. Damit auch klar wird, wie sehr ich Sexismus hasse, der von (i.d.R. Weißen, i.d.R. Hetero-) Männern ausgeübt und als „Ironie“, „Humor“ und „Satire“ verpackt wird. Gerne auch „Provokation“ oder „Schwarzer Humor.“
Denn ja, IRONISCH, raffen wir das nicht, wir dummen F***? Das hat mit Frauenfeindlichkeit nichts zu tun. Can’t we take a joke?! (via Lauredhel)

Also, here goes: Ist das sexistisch? (duh.)

Ich finde es immer wieder überraschend, wie Dinge, die mir (und den meisten Frauen, die ich kenne) so unmittelbar als Mackerscheiße einleuchten, nette, wohlmeinende Typen völlig aus dem Konzept bringen. Ratlos stehen sie davor und fragen warum ist das denn so schlimm? Sie meinen es in keiner Weise böse, sie verstehen es einfach nicht (ich schließe die üblichen youtube-Aggro-Trolle aus und beziehe mich auf Menschen, die tatsächlich einsehen, dass es so etwas wie Sexismus gibt, und das gerne ändern wollen).

Humorkritik ist schwierig. Leute studieren sowas. Es ist immer wieder schwierig, zu erklären, warum etwas Schreckliches schrecklich ist, und ich möchte an dieser Stelle generell privilegierte Menschen bitten, diskriminierten Menschen einfach ein paarmal öfters zu glauben, dass etwas schlimm ist, auch wenn sie es nicht sofort verstehen. Loslassen. Vertrauen. Freundlich sein zu Leuten, die scheiße behandelt werden. Das ist auch nur eine Erweiterung generellen menschlichen Respekts. Ich schweife ab.

Wo ist nun also dieses UNGLAUBLICH KOMISCHE Stück Sch- äh, Kabarett sexistisch?

Ich sage: Der Sexismus ist
1. da, wo die Leute mit dem frauenfeindlichen Klischee mitlachen, statt über den MIESEN, ungehemmt hassenden, konflikt- und beziehungsunfähigen Typen.
2. da, wo nicht klar wird, dass beide Geschlechterklischees hier karikiert werden (und das ist eine wohlmeinende Interpretation meinerseits).

Sexismus als Effekt, unabhängig von der Absicht: Jeder Mensch mit einer noch so frauenfeindlichen Einstellung kann hier herzlich mitlachen, ohne den geringsten Stolperstein.

Es reicht für Satire nicht, tatsächlich existierende, stereotype Geschlechter- und Beziehungsmuster aufzugreifen. Es kommt darauf an, was mensch damit macht. Angreifen, als absurd entlarven, in eine andere, menschlichere Perspektive setzen? So schön wie kabarettstatistisch unbedeutend.
In frauenfeindlicher Weise bestätigen, kabarettstatistischer Normalfall: scheiße.

Warum es keine Kritik ist? Der Schluss – das ganze Lied! – macht sich über den feigen Typen lustig, der immer wieder nur memmenhaft (zu einer Frau! was für ein Versager ist das denn?!) „ja“ sagt. Sich auf die Beziehung zu ihr tatsächlich einzulassen, d.h. Konflikte in seiner Beziehung auszutragen statt weibliche Kritik als nerviges Gejammer wahrzunehmen, ist keine Alternative, die das Lied darstellt oder auch nur impliziert. Es verhöhnt ihn, weil er die Gegenwart einer Frau und ihrer lästigen Kommunikation erträgt, weil er diese Beziehung überhaupt eingegangen ist, weil er nicht DIE EIER hat, mal zu zeigen, wo’s langgeht.

Es stellt die brutalen Hass- und Gewaltfantasien eines Mannes dar als eine fast schon natürliche, verständliche, gerechtfertigte Folge der schrecklichen Lästigkeit der Frau, mit der er verheiratet ist. (Für die Sammlung seltsamer Ausdrücke: victim blaming.)

Das Stück greift nicht den Widerling an, der die Frau nicht liebt, mit der er sein Leben verbringt, und sie menschenverachtend behandelt – es übernimmt dessen Perspektive und macht sich, POINTE! darüber lustig, dass er sie zu wenig menschenverachtend behandelt. Sogar von seinem Mordvorhaben lässt er sich noch von „Schatz“ abhalten.

Der Pantoffelheld.

Das macht sich nicht über Stereotype lustig, um sie aus der Welt zu schaffen. Die Auflösung fehlt, Leute.
Das hier profitiert von Geschlechterrollen, und die Pointe ist menschenfeindlich.

5 Kommentare

  1. Uli

    Ich höre Bodo Wartke seit ein Paar mir „Ja, Schatz“ mit Begeisterung vorgespielt hat. Sie haben sich mit diesem Lied und seinen Stereotypen sehr identifiziert. Ich bin nicht ganz sicher, wie ihre Beziehung funktioniert, aber im August ist ihre kirchliche Hochzeit. Halte ich persönlich für keine gute Idee (sowohl kirchlich als auch Heirat in ihrem Fall; zumindest bei Letzterem kann ich mich auch irren).

    Das Lied mochte ich tatsächlich nie wirklich, jedoch zuerst nur, weil die fragwürdige Pointe den Stereotypbesang nicht mit einer Wendung versieht. Irgendwas Kritischem eben. Als „Unbetroffener“ („Würde ich je so ein Typ sein? NIE!“) wird man durch dieses starke Stereotypbombardement so weit abgestumpft, dass einem oft entgeht, was da genau gesagt, worüber da genau gelacht wird.
    Du hast Recht, Kabarett ist durchzogen [geändert: Kommentarrichtlinien] mit dem Altmännergewäsch auf Stammtischniveau aus vielen Generationen. Bei meinen Favoriten (Pispers und Malmsheimer) ist das zwar seltener, aber immer wieder präsent. Bei Schramm würde ich jetzt unter Vorbehalt behaupten, dass mir aus seinem aktuellen Programm nichts auffällt. Aber das prüfe ich bei Gelegenheit nochmal.

    P.S. Schön finde ich jedoch, dass er ihren Namen angenommen hat. Wobei ich im Allgemeinen besser finde, wenn die Partner_innen ihre Namen behalten.

    • Uli

      Nachtrag: Schramm benutzt in seinem Programm „Thomas Bernhard hätte geschossen“ in der Tat ein diskriminierendes Wort und zwar „Krüppel“. Jetzt ist allerdings fraglich, wie das aufgefasst wird. Schramm spricht nie selbst, sondern (mensch mag’s aus „Neues aus der Anstalt“ kennen) immer in verschiedenen, extremen Rollen. Er benutzt dieses Wort mehrfach in der Rolle des alten Sozialdemokraten August.
      Da muss ich selbst nochmal reinhören und nachdenken.

  2. kiturak

    huh, scary. Also, die Identifikation. Aber, na ja, ich kenn‘ sie ja nicht. Andrerseits sind seltsame kommunikationsgestörte Beziehungen ja auch was, mit dem die meisten von uns herumwurschteln – und, so gewöhnt, wie wir den sexistischen Sabber alle sind, ist es bestimmt einfach, das schlicht als lustige Kritik an doofen Beziehungen zu verstehen.
    [Frage erledigt]
    Und, Satire, verdammt. Das nervt mich seit Jahren. Ich arbeite (außer der Arbeit, die ich grad tun sollte!) an zwei Artikeln, einen zur taz-Vuvuzela-Serie, und einen zu „Satire darf alles“, ausgehend von diesem schlauen Kommentar zu diesem Artikel.
    Das Argument („Satire darf alles“) wird immer so grauenvoll unlogisch angewandt. Die eigentliche Frage ist doch: Was will Satire? Und, Satire darf alles, aber ich darf sie nicht kritisieren?

    • Uli

      Satire ist da wie der Bundespräsident.😀

      Kommentare ändern können Benutzer_innen leider nicht. Tu das doch bitte für mich. Ich hatte mir auch eigentlich vor genommen, diese Vokabel nicht zu benutzen, aber irgendwie muss es mir entgangen sein.

  3. Pingback: Von wegen reaktionäre Kulturwüste: Deutschland gewinnt Realsatire-Preis! | kiturak

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