Butler vs. CSD

Zuerst durch anders deutsch darauf aufmerksam geworden, dann mit wachsender Genervtheit die unsäglichen Artikel in der taz verfolgt: Judith Butler ist zum Christopher Street Day in Berlin angereist, um dort den Zivilcourage-Preis verliehen zu bekommen – und sie hat ihn abgelehnt.

Hurra: andrenarchy! Andrenarchy hat dieses Video bei youtube eigestellt, mit eingeblendeten englischen Untertiteln, einschließlich der Moderation am Schluss.
Der Transgeniale CSD und L-talk haben Butlers gesamte (in deutsch gehaltene) Rede transkribiert, jeweils dort zu lesen.
Hat hier schon mal jemand transkribiert & übersetzt? Es ist gleichermaßen: barriereverringerungs-freundlich, für sozialwissenschaftliche Forschung wichtig, und – Arbeit. Krass. Danke.

Auszug:

Einige der Veranstalterinnen haben sich explizit rassistisch geäußert beziehungsweise sich nicht von diesen Äußerungen distanziert. Die veranstaltenden Organisationen weigern sich antirassistische Politiken als wesentlichen Teil ihrer Arbeit zu verstehen.
[…]
Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwul lesbische queer Freiheit geschützt werden muss, und wir sind gehalten zu glauben, dass der neue Hass gegen Immigrantinnen nötig ist, um uns zu schützen.

Deswegen müssen wir nein sagen zu einem solchen Deal, und wenn man nein sagen will unter diesen Umständen, dann nenne ich das Courage.
Und wer sagt nein? Wer erlebt diesen Rassismus? Wer sind die queers, die wirklich gegen eine solche Politik kämpfen? Wenn ich also einen Preis für Courage annehmen würde, muss ich den Preis zu Recht an jene weiterreichen, die wirklich Courage demonstrieren.

An dieser Stelle: Falls irgendjemand Zweifel daran haben sollte, dass Rassismus tatsächlich unter Weißen in Deutschland ein Problem sein sollte? (eben.) Sogar unter Leuten, die aufgrund ihrer sexuellen Identität selbst diskriminiert werden? Lest irgendeinen taz-Artikel zu Butler und/oder dem CSD/transgenialen CSD. Tut Euch die Kommentare an (ja, auf taz kommentieren regelmäßig auch ganz schlicht Rechte. Die mein ich nicht) Lest die Kommentare unter diesem Artikel.
Und vor allem: Hört Euch im Video ab 5:00 die Schlussmoderation an (bzw. lest sie). „Persönlich sehr gekränkt“ vom Vorwurf des Rassismus? „Das ist einfach nicht wahr. Und ihr könnt so laut schreien, wie ihr wollt, is einfach so! Weil, ehrlich gesagt: Ihr seid hier nicht die Mehrheit. Ihr seid – nicht – die – Mehrheit.“
Äh.
Fucking ernsthaft?!

Was soll ich sagen? Ich nehme mich auf jeder Art von hohem Ross nur lächerlich aus, das ist es nicht. Aber ich kann wenigstens etwas tun, was taz und Spiegel nicht geschafft haben: die alternativen Preisträger_innen an noch einer Stelle mehr bekannt geben. (Mit Auszügen aus ihren eigenen Stellungnahmen! Dort lesen! Toll finden! Dabei bleiben!)

LesMigras – Antigewalt und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.

Die Lesbenberatung, mit dem Antigewalt- und Antidiskriminierungs-Arbeitsbereich LesMigraS, steht in Berlin und bundesweit für die politische Arbeit für Lesben, Bisexuelle und Trans* insbesondere lesbische, bisexuelle und Trans* Migrant_innen, People of Color und Schwarze Lesben und Trans*. In diesen Rahmen setzen wir uns seit Jahren für eine selbstkritische Auseinandersetzung mit Rassismen in LSBT-Communities ein, inkl. der häufigen Zuschreibung von Homophobie, HIV Verbreitung, Frauenfeindlichkeit und Gewalt als Problem von Migrant_innen-Communities. So haben wir immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen diese Problematiken als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu betrachten und somit u.a. eine Kriminalisierung von Migrant_innen und People of Color durch LSBT Organisationen zu verhindern.

GLADT – die einzige unabhängige Selbst-Organisation von türkeistämmigen Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen und Transgendern (LSBTT) außerhalb der Türkei

Ob es um den Einwanderungs- und Integrationsdiskurs in Deutschland geht oder um die Auslandseinsätze der Bundeswehr im Irak oder in Afghanistan: Immer geht es offiziell auch um uns. Als Frauen und queere Menschen sollen wir verteidigt werden gegen die sexistischen und homophoben Muslime und Migrant_innen. Einige feministische und schwule Aktivist_innen sind Teil einer Maschinerie, die die Welt gern in zwei Blöcke teilen würde: Hier die Guten, dort die Bösen.

Unsere Welt lässt sich nicht teilen – so wenig wie sich unsere Erfahrungen teilen lassen in Sexismus/Homophobie oder Rassismus. Von Butlers Rede bei der Abschlusskundgebung des CSD und ihrer Ablehnung des Zivilcourage-Preises geht das wichtige Signal aus, Mehrfachzugehörigkeiten und Mehrfachdiskriminierung in den Fokus zu nehmen. Nur so werden wir wirksame Arbeit leisten können, die in einer globalisierten Welt und in komplexer gewordenen Gesellschaften funktioniert. Homo gleich deutsch, migrantisch gleich homophob lässt sich heute niemandem mehr verkaufen.

SUSPECT

Rassismus ist in der Tat in den vergangen Jahren der rote Faden internationaler CSD-Veranstaltungen, von Toronto bis Berlin, sowie auch der weiteren schwullesbischen Landschaft (s. z.B. „Monster Terrorist Fag,“ den Artikel der Queer of Colour Theoretiker/innen Jasbir Puar und Amit Rai, der bereits 2002 erschien). Das Berliner CSD Motto 2008: ‚Hass du was dagegen?’ Homophobie und Transphobie werden hier als Probleme von Jugendlichen of Colour umdefiniert, die anscheinend nicht richtig Deutsch können, deren Deutschsein immer hinterfragt bleibt, und die schlicht nicht dazugehören. 2008 ist auch das Jahr, in dem der Hasskriminalitätsdiskurs Einzug in die deutsche Sexualpolitik hält. Diesen Aktivismus war bis dato in Deutschland kaum bekannt. Dennoch wurde Hassgewalt genau deshalb so schnell eindeutscht, weil ja bereits klar war, wer der hasserfüllte kriminelle Homophob ist: Migranten, die eh schon als kriminell gelten und immer leichter ins Gefängnis kommen und auch abgeschoben werden können. Diese Moralpanik wird von dubiosen Medienpraxen begleitet und von sogenannten wissenschaftlichen Studien „belegt“: Wo jeder Fall von Gewalt, mit dem eine homosexuelle, bisexuelle oder Transperson irgend etwas zu tun hat – egal ob der vermeintliche Täter weiß oder of Colour ist, und egal, ob der Hintergrund Homophobie, Transphobie, oder eine Verkehrsstreitigkeit ist, als der neueste Beweis von dem in Umlauf gerät, was wir eh schon alle wissen: Dass Homos (gerade anscheinend weiße Männer) es am allerschwersten haben, und dass ,die homophoben Migranten‘ die Hauptursache hierfür sind.

ReachOut – Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus

Tülin Duman, Geschäftsführerin von Gladt, freut sich über die Haltung der Gender-Aktivistin. „Wir erleben immer wieder, wie einzelne Vertreter von Homosexuellenverbänden sich rassistisch äußern“, sagt sie. Sätze darüber, dass Türken und Araber „homophober sind“, bestärkten eine Mehrfachdiskriminierung. Auch seien falsch geführte Statistiken von Hilfsvereinen ein Problem, in die Einschätzungen der Täter wie „Ich glaube, es war ein Türke“ aufgenommen würden. „Wir spüren in der Paradeszene ein Rücken nach rechts“, sagt Duman.

Transgenialer CSD

Dass [die von Butler alternativ vorgeschlagenen Gruppen] in einer breiten Öffentlichkeit kein Gehör finden, bestätigt die Kritik: Der CSD ist eine wunderbare Möglichkeit für Parteien und Unternehmen, Imagepflege zu betreiben – und ein Ereignis, bei dem Homosexuelle sich ausschließlich als Opfer inszenieren. Der Homo-Mainstream macht es sich leicht: Durch Initiativen wie Maneo wird ein Bild gemalt, in dem vornehmlich Weiße Schwule Opfer von „migrantischer“ homophober Gewalt werden. Dass jedoch die größte Gruppe der Homo-, Inter- und Trans*phoben immer noch Weiß und deutsch ist, findet keine Erwähnung. Dass es homo-, inter- und trans*sexuelle Menschen mit Migrationshintergrund gibt, wird dabei ausgeblendet. Dass homophobe Nicht-Weiße durchaus auch Deutsche sein können, wird nicht reflektiert, denn in dieser Logik sind Deutsche immer Weiß.

Hut ab. Danke. Ich wünschte, Ihr hättet den Preis bekommen.

Dieser Kram macht mich fertig. Es ist ja nicht nur der Rassimus – „queer“ wie „gay“ wie „homo“ scheinen unaufhaltsam zum Synonym für „schwul“ zu werden. Andere Identitäten (lesbisch! bi! trans*! genderqueer! undund!), die mit diesen Begriffen (je nachdem) genauso verbunden sind, werden ständig marginalisiert – oder mit diskriminiert.

Wenn sich diskriminierte Menschen ausschließlich auf ihre eigene Benachteiligung fokussieren, merken sie nicht, dass sie ganz selbstverständlich auf allen anderen herumtrampeln, die noch weniger – oder andere – Privilegien haben.

Leute, so geht’s nicht.
Ich nehm mich ja nicht aus.
Aber so geht’s wirklich nicht. So kommen wir nirgendwo hin.

(Auf Mädchenmannschaft ist ein guter Post dazu, und der Mädchenblog hat eine unglaubliche Linksammlung, in diesem und den folgenden Posts.)

3 Kommentare

  1. Uli

    Schön, dass die fünf Alternativen hier zu Wort kommen. Nach der CDU-Taktik bei der jüngsten Abwendung der Verfassungsänderung, nämlich Migranten den schwarzen Peter der Diskriminierung zu zu schieben, hätte ich nicht so schnell gedacht, dass die Mitbetroffenen selbst so sehr von diesem Argument durchsetzt sind. Bei dem „Ihr seid hier nicht die Mehrheit“ läuft’s mir eiskalt den Rücken runter.

  2. kiturak

    Ja! nicht nur Dir, glaub mir.

    Erinner‘ mich wer daran, meine Blogroll dahingehend auszuweiten!

    Natürlich wär‘ es jetzt genauso mies, mit „Schwule sind rassistisch“ anzukommen. Die Gesellschaft ist halt rassistisch, und nur weil ich hier mal nicht hetero bin, macht mich das nicht wie durch ein Wunder zu einer kleinen unschuldigen Insel in einer diskriminierenden Gesellschaft.

    Und, willkommen🙂

  3. Pingback: Die nächste Runde in der CSD/Rassismus-Diskussion « mädchenblog

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