Mad Men

Ich hab’s gesehen!

Die erste Staffel, zumindest.

(Spoiler: Wer keine Inhalte aus der ersten Staffel wissen will, oder meine weitschweifigen Gedanken darüber lesen, sei angehalten, hier SOFORT anzuhalten! Ich will nicht schuld sein!)

Mad Men ist der Alltag der frühen 1960er Jahre in den USA, oder gibt sich zumindest auf ziemlich hohem Niveau Mühe, ihn darzustellen.

Wie den Alltagssexismus (Gender ist bestimmt eines der Hauptthemen der Serie), so gibt’s den selbstverständlichen Rassismus in einer Form, die für heute ungewöhnlich wirkt und dadurch sogar dem Mainstream auffällt. Kennt jemand den japanischen Nachbarn aus Breakfast at Tiffany’s? So. Nur vielleicht noch krasser.
Es ist großartig. Mein Wunschdenken verursacht ja immer, dass ich denke, ALLE müssten ALLES endlich kapieren und die Parallelen zu dem ziehen, was Feminist_innen und andre Mobs ihnen dauernd vorbeten, wenn „Sweetheart“ im Büro, und überhaupt die Weiblichkeitsgeschichten, laufend schlicht als Degradierung verwendet werden.
Aber was statt dessen passiert, ist, dass Leute sowas denken wie „krass ja, die 50er/ 60er, ja DAMALS. Haben wirs heut alle gut.“ Fühlt es sich nicht toll an, aus 50 Jahren Abstand die Nase über die Diskriminierung damals zu rümpfen? Bin ich nicht ein so guter Mensch und so menschenrechtlerisch, weil ja heut alles SO viel besser ist? Dabei ist genau diese Einstellung eine historische Konstante und hat schon immer Erkenntnis und Veränderungen gelähmt.

(Hey! Nicht, dass es heut nicht besser wäre in manchen Bereichen, aber andererseits ist es eben immer noch scheiße, und solche an sich sinnvollen Darstellungen früherer Formen von Diskriminierung funktionieren dann für mit dem Status Quo zufriedene Leute auch noch als Distanzierungshilfe von der tatsächlich heute existierenden Diskriminierung, was … ärgerlich ist)

Aber, ja, wie großartig die Normalität in dieser Serie ist.

Auch Wunschdenken: Natürlich denk‘ ich SEHT IHR KAPIERT IHR ENDLICH?!, wenn das ganze -ismen-Debakel einfach zum normalen Leben und den ganz normalen Träumen von ganz normalen, netten Leuten gehört und eben (meistens) nicht von irgendwelchen übelmeinenden Ekelpaketen ausgeübt wird (HINT ja, wir alle, immer noch, glaubt’s den Leuten einfach). Natürlich ist das nun die Botschaft, die bei mir landet – ein Haufen Leute versteht das erstaunlich anders.

Was Don Draper für mich zu so einer unwiderstehlichen Identifikations- und Ansabberfigur macht (ja! male gaze-gestaltet meets Andere Zuschauerin): seine fundamentale Nettigkeit. Unglaublich. Er ist nett, NETT, aus einer grundsätzlich sympathischen, menschenfreundlichen Einstellung, aus Desinteresse und der Außenseiterposition; weil ihm die normalen sexuellen Machtspielchen keinen Spaß machen (weil ihn überhaupt ziemlich wenig berührt), behandelt er Sekretärinnen wie Menschen, weil er nett ist und sie ihm nichts getan haben, schlägt seine Kinder nicht. Sobald es ihn interessiert, sobald seine Interessen und seine Rechte im Spiel sind, macht er Leute mit der größten Selbstverständlichkeit fertig, ohne ein Bewusstsein, dass da was nicht in Ordnung war – das war eben sein Platz. Im Grunde genommen die Gutsherren-Großzügigkeit. Aber nicht der sadistische (grausam wie fast alle anderen dargestellten Weißen Männer), sondern der Fremde. (Ich mag den Vergleich mit Ben bei Lost.)
Behandelt er seinen Bruder oder seine Frau mieser?
Ich bin unentschlossen. Seinem Bruder gegenüber ist er direkt brutal, seine Frau zerstört er hintenrum, und mit viel Liebe und Mitleid.
Aber er meint es nicht böse! Er ist freundlich, traurig und hilflos.

Jedenfalls, natürlich ist er selbst ein kompletter Außenseiter in weiten Teilen seines eigenen Lebens, aber seine wasserdichte erfundene Persönlichkeit versperrt ihm komplett den Blick darauf. Den lichtesten Moment (bisher) hatte Rachel – dass er nur weg wolle und nicht irgendwo hin. Sie hat aber Unrecht damit, dass er ein Feigling ist. Natürlich hat er in dem Moment Angst und verkauft es wie immer als etwas anderes, aber das Problem ist viel grundlegender – er hat einfach keine Ahnung von irgendwas, er kann nie irgendwas tun als reagieren, weil er seine eigenen Impulse komplett in seine künstliche Existenz kanalisiert, und wenn die droht zusammenzubrechen, steht er vor dem Nichts. Ich liebe den Vorspann.

Was Mad Men für mich so unglaublich fesselnd macht, ist, dass ich zu 80% mit genau den Werten und genau der Art von Familie aufgewachsen bin. Meine Großeltern sind in jeder verdammten Szene dieser Serie (inclusive des Nichts abseits des sorgfältig nach allen Konventionen zusammengebauten Lebens), aber meine Kindheit und Jugend war in vielem nicht weit weg davon. Und der Witz von Beziehungen ist ja immer noch aktuell. Ich kann nur sympathisieren mit Leuten, die mindestens drei komische Affären gleichzeitig haben, wenn sie in so einer Art von Beziehung leben. Natürlich ist das auch aus heutiger Perspektive noch der moralische Super-GAU, nur, … Leute, echt. Nicht dass nun die ganze Welt sich in poly-Beziehungen stürzen müsste, aber irgendwas, was tatsächlich schön ist, wäre ja schon ein Unterschied. Ich mag jedenfalls, wie Beziehungen in der Serie dargestellt werden.

Achso, ja, und die einzige Alternativgesellschaft der Serie? Die Hipster-Szene. Ich kann nun nicht beurteilen, wie realistisch sie dargestellt wird. Es gibt die bisher einzige Schwarze Frau in einer nicht-Bediensteten-Rolle, mit einem der coolsten Sätze – wie es käme, dass immer, wenn sie sich treffen, die Frauen danebensitzen und den Mund halten sollen? Unglaublich gut. Fuck, ich weiß nicht, wie oft ich schon zwischen so kiffenden labernden Weißen SUPERWICHTIGEN Alternativo-Jungmackern mit Dreads und Prêt-à-Penser-Einstellungen (das ist von meinem Ex-Mitbewohner! Danke!) gesessen habe, die mit 16 beeindruckend wirken, und mit 25 ein Witz sind.
Wie soll irgendjemand in sowas ernsthaft eine Alternative sehen?

Mein größtes Problem bisher: Darstellung von Rassismus.
Gleich zu Beginn: Es gibt dazu selbstverständlich unter People of Colour Diskussionen, zum Beispiel auf racialicious.
Die zu verfolgen ist wesentlich sinnvoller als das zu lesen, was ich als Weiße schreibe – ich habe sie nur noch nicht gelesen, weil ich prinzipiell keine Diskussionen und/oder Kritiken lese, bevor ich etwas anschaue, das mich tatsächlich interessiert. Selbst wenn es keine Details vorab verrät – ich kann die Essenz davon nicht ausblenden.

Also: Ich kann die Darstellung von Sexismus in Mad Men sehen und genießen, weil – schwierig, das wäre nochmal ein getrennter Aufsatz. Grundsätzlich vermutlich vor allem deshalb, weil klar wird, wie schrecklich es sich anfühlt, im Grunde für alle Beteiligten – weil die Unmenschlichkeit offen dargestellt wird.
Aber auch, und das ist der Punkt, mit dem ich Schwierigkeiten habe: Weil Frauen in der Serie wichtige Rollen haben, und als autonome Menschen dargestellt werden. Weil der Sexismus in gewisser Weise unterlaufen wird, indem seine Auswirkungen aus Sicht der Betroffenen dargestellt wird.
Und letzteres passiert bisher bei Rassismus nicht. (Wohlgemerkt, erste Staffel.)
(kleiner Zweifel meinerseits auch: Dass der oben genannte Satz über die Frauen, die immer den Mund halten sollen, von einer Schwarzen Frau kommt (das ist vermutlich die direkteste und konfrontativste Aussage der bisherigen Serie, dieses Thema betreffend, von einer Frau einem Mann gegenüber), wirkt auf mich insofern problematisch, als der Satz und die Szene ausschließlich Sexismus kritisieren, und den Rassismus als Problem nicht darstellen, der ja genauso stattfand und kritisiert wurde. Die Aneignung der Stimme einer Woman of Colour für den Weißen Feminismus, sozusagen. Es würde mich interessieren, was People of Colour davon halten, und ich schreibe hier Nachträge, wenn ich mit der Serie durch bin und die Diskussionen besser kenne.)

Die dargestellte Gesellschaft ist eine Weiße Gesellschaft. Die Genderkonstruktionen sind Weiße Genderkonstruktionen.
Es gibt nun immer Begründungen für solche Auslassungen, meist (gerade in historischen Darstellungen) das Argument der Authentizität – es habe ja nie eine bedeutende Mitwirkung von [diskriminierte Gruppe] in [dargestelltes Umfeld] gegeben, also sei die Darstellung der historischen Realität angemessen. Ich habe einen Haufen Probleme mit dieser Art von Argumentation (auch das wäre einen eigenen Aufsatz wert). Eins der wichtigsten für mich ist: Die Darstellung entspricht eben nicht der Realität. Alle diese Menschen haben zu der jeweils dargestellten Zeit existiert und waren essentieller Teil der Gesellschaft. Indem sie im Medium unsichtbar gemacht werden, wird vom Medium diese Diskriminierung fortgeführt.
Und mit rassistischen Mitteln Sexismus zu kritisieren hat eine leider viel zu große Tradition.

Wie gesagt, das denke ich nach der ersten Staffel.

6 Kommentare

  1. Christian - Alles Evolution

    Was ich interessant finde ist wie männlich/sexy die Männer durch ihre Art wirken. Nach meiner Erfahrung nehmen Zuschauer sowohl den Sexismus der damaligen Zeit auf aber auch, dass diese Männer (gerade dadurch?) eine gewisse sexuelle Anziehungskraft ausüben.

  2. kiturak

    Heh, findest Du? Geht mir mit Ausnahme von Don Draper garnicht so – echt jetzt, alle anderen finde ich eigentlich wirklich konstant und massiv abstoßend, und eher die Frauen anziehend, Rachel vor allem.

    „Männlich“ wäre natürlich vermutlich der springende Punkt. Also, das ist ja eine sehr traditionelle (heteronormative) Vorstellung von „männlich“, bis hin zur Karikatur. Ich hab‘ das halt noch nie anziehend oder sexy gefunden, JAHRE (fast schon Jahrzehnte, an sich) bevor ich wusste, dass es sowas wie „Feminismus“ überhaupt gibt, insofern kann ich das vielleicht einfach nicht so gut beurteilen.

    Echt, das geht anziehend zu finden? Also, findest Du? Oder sind das andere, die mit Dir mitschauen? Und was findest Du/ finden die anderen daran „männlich“/sexy? Naja, das ist nun immer so eine blöde Frage, schwer zu beantworten. Also, „die Art“, ja? Nicht die schicken Anzüge, sondern wirklich so – ähm, was eigentlich? (Ich bin völlig hilflos! ich komm immer nur auf die frauenfeindlichen Witze und die fade bis aggressive Verklemmtheit, und das wird’s ja wohl kaum sein :D)

    • Christian - Alles Evolution

      ich habe es – in soweit steht meine These auf etwas wackligen Beinen – im Internet gelesen als ich mich etwas über die Serie schlau gelesen habe, weil ich sehen wollte ob sie etwas für mich ist.

      Aber interessant, dass dich das klassisch männliche nicht so anspricht (ich nehme an du bist weiblich und heterosexuell, sonst wäre das ja keine besondere Aussage). Darstellung von Männern, die der Rolle nach besonders attraktiv auf Frauen wirken sollen kommen meiner Meinung nach selten ohne klassische Männlichkeit aus. Auch alles was so unter Sexsymbol läuft ist eigentlich klassisch männlich. James Bond zB ist so ein Vertreter und Sean Connery gilt ja heute noch als sexy. Mir fallen jedenfalls keine ein. Dir?

      • kiturak

        An Christian und alle, die hier lesen:

        Ich lasse dies als Beispiel stehen fuer etwas, das ich – OFF TOPIC – im Regelfall schlicht loesche.

        Ich habe hier ueber Mad Men geschrieben, und jemand, der die Serie nichtmal gesehen hat, schaut vorbei, um von „Sexsymbolen“ zu schreiben und seine generellen genderessentialistischen Theorien hier unter die Leute zu bringen.

        Christian, weder interessierst Du Dich fuer das, was ich schreibe, sonst wuerdest Du auf meine konkreten Erzaehlungen nicht antworten, indem Du mit generalisierendem Sabber ablenkst, der mit der Serie nicht das Geringste zu tun hat. Noch bist Du bereit, von Deinen eigenen Erfahrungen zu schreiben – „in Deiner Erfahrung“ oder „Deiner Meinung nach“ verkauft bei Dir nur Zeug, das in keiner Weise mit Deinen eigenen konkreten Erfahrungen oder Gedanken zum Thema hier zu tun hat.

        Ich werde solche Kommentare in Zukunft weiter loeschen, dies ist mein privater Blog und ich habe keine Lust, meine Zeit mit solchem Schotter zu verbringen; wie gesagt, dies steht hier zur Demonstration.

        Christian, noch ein paar solcher Kommentare und Du verschwindest hier permanent.

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