Kommentarrichtlinien: Warum zum Henker schreib ich sie überhaupt?

Aus gegebenen Anlässen in mehreren Kommentarthreads hier, und dies meint Menschen, die es an sich gut meinen:

Oh, Leute. Lest doch einfach meine Kommentarrichtlinien – BEVOR Ihr kommentiert:

“Bitte lest bei betroffenen Menschen nach, falls Ihr tatsächlich unsicher seid, was als diskriminierend verstanden wird.”

Das ist nicht schwer.

Von gesellschaftlicher Diskriminierung betroffene Menschen haben bei mir Deutungshoheit über diese Diskriminierung.

Wenn eine halbwegs bedeutende Anzahl von Menschen in einer diskriminierten Gruppe sagt, etwas sei -istisch, dann IST ES DAS. AUS. Keine Debatte darüber, OB “Schlampe” sexistisch ist, weil es eine coole poly-Gruppe in Marburg gibt, die das reclaimt. Keine Debatte um “ob”.

EINFACH. KEINE. DEBATTE.

Wenn Ihr das “wie” und “warum” nicht versteht oder einseht, findet es selber für Euch raus, oder fragt. Höflich. Bescheiden. In wenigen Worten. Mit etwas Glück hat jemand Spaß daran, das zu erklären. Betrachtet diskriminierte Menschen als Spezialist_innen für ihre Diskriminierung. Geht davon aus, dass Ihr keine Ahnung vom Thema habt, und dass es ein riesiger Gefallen ist, den Euch andere tun, wenn sie es Euch erklären. Frag ich Dich, ob Du meinen Kleiderschrank zusammenbaust und das Wohnzimmer fegst? Nein? Warum sollen andere ihre Zeit damit verbringen, Deine rechthaberischen, zeit- und raumfüllenden Ahnunglosigkeiten zu widerlegen?

Spart Euch bitte, bitte die unaufrichtige Haltung, Ihr wolltet ja nur diskutieren. Ihr wollt Recht haben und behalten, und die “klär mich auf”-Haltung heißt nichts als die Weigerung, die bereits überall geleisteten Erklärungen zu lesen und zur Kenntnis zu nehmen.
Wenn Eure Aussage hinausläuft auf Warum soll ich es denn einsehen, wenn Du mich nicht überzeugst? oder
Wenn Dir die Sache wichtig wäre, würdest Du mir das erklären!, schluckt sie besser einfach runter. Nicht nur werde ich sie voraussichtlich nicht veröffentlichen, sondern diese Haltung macht mich wütend wie sonst kaum was.

Fragt Euch, ob Ihr ernsthaft dieser Mensch sein wollt, der Frauen zwingt, in einem speziellen schriftlichen Extra-Essay NUR FÜR EUCH zu beweisen, warum “Schlampe” nicht geht, oder People of Colour, warum “M*hr” keine Option ist. Fragt Euch, ob Ihr die Person sein wollt, die die Debatte um Gender_Gap statt Binnen-I damit aufhält, dass Ihr nicht einseht, warum das generische Maskulinum nicht ok ist. Obwohl es schon an tausend Stellen überall im Internet ausgehandelt wurde, aber Ihr wollt es in kleinen Löffeln persönlich gefüttert bekommen, bevor Ihr es einseht*.

Fragt Euch, ob Ihr diskriminierte Leute damit aufhalten wollt, ihnen zu erklären, dass sie keine Ahnung haben, wovon sie reden. Fragt Euch, ob Ihr ernsthaft, wirklich, glauben wollt, dass Ihr es besser wisst als betroffene Menschen.

Wenn Ihr nicht sicher seid, was betroffene Menschen zu einer Sache sagen, sucht im Internet.

Lernt Derailing for Dummies auswendig.

Act like you got some home training.

Check your privilege.

Solange Ihr nichts hiervon einseht, allen voran die Deutungshoheit, veröffentliche ich (außer zu Spaß- oder Demonstrationszwecken) Eure Kommentare nicht. Aus.

 

Nachtrag: Tatsächlich sollen wir es Euch in kleinen Löffeln füttern, während Ihr strampelt und schreit und tretet und uns die Hälfte wieder ins Gesicht spuckt. Und neeeein, dafür bekommen wir nicht Respekt oder Dank oder sowas? Im Gegenteil, wir dürfen froh sein, wenn Ihr nicht wütend auf uns seid deswegen oder verächtlich, während Ihr stolz seid, dass Ihr so toll gekämpft und alles aufgegessen habt.
Millionen strampelnder privilegierter Menschen, die erpresserisch (“Wenn Du mich nicht hier und jetzt überzeugst, vertrete ich weiter meine *-istischen Ansichten!”) von den Menschen, die sie vorgeben, nicht diskriminieren zu wollen, nach Belieben Lebenszeit beanspruchen.

Guess what? Ich habe ein eigenes Leben. Andere Menschen haben ein eigenes Leben. Es ist nicht unsere Verantwortung, Eure *-istischen Ansichten zu ändern, und wenn wir keinen Bock haben, JETZT UND HIER, wann immer es Euch beliebt, eine kleine Privatstunde für Euch abzuhalten, sondern statt dessen einen Kaffee trinken gehen, habt Ihr nicht gewonnen und dürft weiter glauben, dass Ihr bei den Guten seid.
Ihr vertretet *-istische Ansichten und benutzt unsere fehlende Bereitschaft, Euch zu hätscheln, als Ausrede dafür.

Ich weiß nicht, wie oft ich manche Diskussionen schon geführt habe. Ich weiß nur, dass es mich all meine Überwindung kosten kann, höflich zu bleiben.
Den letzten weißen männlichen Uni-Dozenten, der eine ad hoc-Überzeugung von mir wollte, um “Studierende” statt “Studenten” zu sagen (denn warum sollte er Uni-Publikationen lesen, geschweige denn, sich an sie zu halten), hab ich angebrüllt:
Jede Wette, dass er anschließend noch überzeugter war, im Recht zu sein, und außerdem sagen würde, ich hätte nur meiner Sache geschadet.

Leute, ich habe wirklich, wirklich keine Lust auf Euch.

5 Kommentare

  1. Mrsnextmatch

    Herrlich, Chapeau, Danke!! Und wetten, es kommen welche, die “na da machst du’s dir ja schön einfach’ oder sonstigen Atommüll kommentieren wollen? Trotzdem & gerade deswegen: priceless und sehr lehrreich. Und nochmal Danke!!

  2. Zweisatz

    “Den letzten weißen männlichen Uni-Dozenten, der eine ad hoc-Überzeugung von mir wollte, um „Studierende“ statt „Studenten“ zu sagen (denn warum sollte er Uni-Publikationen lesen, geschweige denn, sich an sie zu halten), hab ich angebrüllt:”

    Ach, warum bin ich nur so gehemmt? Wenn ich Menschen ins Gesicht sagen würde, wie sehr sie mich gerade ankotzen, würde ich wenigstens den Ärger nachher nicht mit mir ‘rumtragen müssen … vielleicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s